Eine einzigartige Schule im „Land der Millionen Götter"
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1. Das Hauptargument meines Vortrags heute Abend ist, dass selbstbewusste religiöse Skeptiker besonders gut geeignet sind, bestimmte Arten Sozialarbeit durchzuführen, und der Hauptteil des Vortrags behandelt einen dafür exemplarischen Fall in einer Provinz in Indien namens „Andhra Pradesh" (Pradesh heißt Provinz). Lassen Sie mich mit einem kurzen Abriss des historischen Hintergrundes beginnen.
In Indien wird die Bezeichnung „West Asien" benutzt, um den Teil der Welt zu bezeichnen, den wir „Naher Osten" oder „Mittlerer Osten" nennen. Christentum und Islam sind beide, aus indischer Perspektive betrachtet, „westliche" Religionen. Indien wurde zweimal von Imperialisten aus diesem Westen erobert: zuerst von Muslimen, die einen Großteil des Subkontinents für mehrere Jahrhunderte beherrschten, und dann von Christen, die etwa ein Jahrhundert regierten. Die Bezeichnung „Hindu" stammt von den Imperialisten aus dem Ausland.
Unter den Hindus waren es diejenigen aus der untersten Kaste, den „Unberührbaren", die am ehesten zum Islam oder Christentum konvertierten. Etwa 15% der Bevölkerung Indiens sind heute Moslems; nur etwa 3% sind Christen, aber die kulturelle Beeinflussung der Missionare ist größer, als diese Zahl nahe legt, weil Schulen (besonders, obwohl nicht immer ausschließlich, für Jungen, da diese dazu bestimmt sind, die Oberhäupter der Familien zu werden) eine oberste Priorität bei der Missionarstätigkeit haben.
Ich komme nun zu zwei bemerkenswerten indischen Männern, von denen jeder an solch einer Schule unterrichtete und dann zum religiösen Skeptiker wurde.
Vor mehr als hundert Jahren bekehrten einige amerikanische Baptisten, die zufällig „Fundamentalisten" in dem Sinne waren, dass sie die Bibel als das getreue Wort Gottes betrachteten, einige Unberührbare in Andhra Pradesh und machten einen von ihnen zum Pfarrer ihrer Kirche. Der Sohn dieses Mannes, 1895 geboren, wurde „Joshua" genannt, wurde in der Grund- und Oberschule der Mission ausgebildet und wurde dann, da er des Pfarrers Sohn und ein guter Schüler war, selbst Lehrer an der Schule. Aber dann trat ein Problem auf: Josua entwickelte eine Liebe zur Literatur, die nicht von der Bibel allein befriedigt werden konnte und sicherlich nicht durch die ziemlich unelegante Übersetzung in die einheimische Sprache, Telugu, dieses Teils Indiens. Er wurde nicht nur von örtlichen Hindus geächtet, die es als sündig für eine Person aus der unteren Kaste ansahen, zu lesen und zu schreiben, sondern auch von den Christen, weil er klassische indische – d.h. Hindu – Literatur las. Er ließ sich jedoch nicht beirren. Ein wohlgesinnter Brahmane lehrte ihn heimlich, die alte Sprache Indiens, Sanskrit, zu lesen, und in seiner Zeit wurde er solch ein hervorragender und berühmter Dichter, dass die Nachkommen der Leute, die ihn geächtet hatten, heutzutage sehr stolz auf ihn sind.
Hätten die Missionare Joshuas literarisches Streben anerkannt, wäre er vielleicht Zeit seines Lebens Christ geblieben. Aber ihr Fehler kostete sie eventuell sein Zugehörigkeitsgefühl, als er in den 1950-ern Atheist wurde.
Inzwischen gab es vor hundert Jahren in einem anderen Teil von Andhra Pradesh einen strenggläubigen Hindu, ein Brahmane, der schöne religiöse Poesie schrieb und zufällig auch als Buchhalter bei der kolonialen Forstbehörde angestellt war. Sein ältester Sohn erlangte den Master-Titel in Botanik an der Universität von Madras und wurde dann Biologie-Lehrer an einer Missions-Hochschule – und das mit solch einem außergewöhnlichen Erfolg (jeder seiner Studenten erntete Lorbeer bei den nationalen Examen), dass die Missionare ihm anboten, für ihn die Kosten eines Ph.D.-Grades an einer prestigeträchtigen amerikanischen Universität (Yale) zu zahlen und ihn dann zum Professor der Naturwissenschaften an der Hochschule zu ernennen, wenn er zum Christentum konvertieren würde. Höflich lehnte er das Angebot ab – es war gleichbedeutend mit Bestechung – und fand woanders eine Anstellung. Aber er war so ein nachdenklicher junger Mann, dass er sich herausgefordert fühlte, eine Konvertierung ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Er studierte, indem er die Bibel und andere relevante Literatur las, und dachte nach. Nach sechs Jahren wurde er ganz und gar ein Ungläubiger und entschied, dass (a) er keine Privilegien aufgrund seiner Geburt als Brahmane verdiene, (b) Leute, die in eine niedrige Kaste geboren wurden, keine repressiven Tabus verdienen (so wie das gegen das Lesenlernen), und (c) er mit Sozialarbeit zu ihren Gunsten beginnen müsse.
Die Details dieses ereignisreichen Lebens sind in einem Buch beschrieben, das auf der Internetseite www.bfg-muenchen.de/goralife.htm verfügbar ist und mit „The Life and Times of Gora" betitelt ist. Für uns ist hier der wesentliche Punkt, dass Goras ältester Sohn Lavanam 1960 Joshuas jüngste Tochter Hemalata heiratete und sie sich sozialen Projekten widmeten, die genau so erfolgreich wurden wie Goras Unterricht und Joshuas Dichtung.
Sie gründeten eine Organisation, Samskar, um bestimmte Probleme anzugehen, die von örtlich mächtigen religiösen Autoritäten und überkommenen Traditionen verursacht wurden. Das erste Hauptprojekt ging um Berufsdiebe und ihre Familien, die Mitglieder einer Kaste waren, die die koloniale Obrigkeit als „kriminelle Kaste" klassifizierte und unter das Obdach von Missionaren der Heilsarmee stellte. Die Missionare blieben im Lande, auch nachdem Indien politisch unabhängig von Großbritannien wurde. Ohne die Diebe vom Diebstahl abzuhalten, lehrten sie sie, dass sie als Christen der Mission 10% der Beute abzugeben hätten. Nachdem Lavanam und Hemalata den Bericht eines Soziologen gelesen hatten, der herausgefunden hatte, dass viele Diebe sich gefangen fühlten in einer unbefriedigenden Lebensweise, besuchten sie diese und zeigten ihnen, wie sich das ändern ließe. Ich will hier nicht die ganze Geschichte erzählen; es genügt zu sagen, dass das Projekt sehr erfolgreich war: nahezu alle ehemaligen Diebe dieser Kasten wurden „anständig" und wurden Bauern auf dem Land, das ihnen auf Rat von Lavanam und Hemalata vom Staat gegeben wurde.
Samskars zweites Hauptprojekt war das mit den „Jogini"s. In früheren Zeiten waren die Joginis Frauen, die Indiens klassischen Tanz schufen und die auch als die sogenannten „Tempel-Prostituierten" (das ist, wie „Hindu", ein westlicher Ausdruck) zusammen mit den Priestern die Praktiken, wie sie im Kama Sutra beschrieben wurden, entwickelten. Die Joginis in den Dörfern des 19. und 20. Jahrhunderts hatten jedoch nichts mit Tempeln zu tun, sondern waren nur religiös sanktionierte, unbezahlte Konkubinen, die im Kindesalter von ihren von Schulden bedrückten Familien in diesen „Beruf" verkauft worden waren @. 1986 nahm sich Hemalata mit Lavanams Hilfe vor, diese religiöse Ausbeutung unschuldiger menschlicher Wesen zu beenden. Die erste Aufgabe war, sie zu finden. Sie schaffte es mit einem Lied, das sie schrieb und sang, während sie durch ein Dorf nach dem anderen wanderte. Hier ist eine Übersetzung des Anfangs, des Mittelteils und des Endes:
Oh Schwester, wer hat Dich dazu gebracht?
Das Mondlicht Deines Lebens ist schwarz geworden.
Wer hat Dich so herab gestoßen?
Deine strahlende Schönheit ist vergangen.
Schwester, rebelliere, forme selbst Dein Leben!
Kein Gott hat Dich so geschaffen,
Öffne Deinen Mund, verteidige Deine Rechte!
Ein gutes Leben ist Dein Recht.
Heiraten ist Dein Recht.
Deine eigenen Gedanken sind Dein Recht. Wähle Deinen Weg!
Brülle wie ein Tiger gegen die selbstsüchtigen Dorf-Ältesten!
Setze Deinen Zorn gegen ihren Betrug ein!
Schwester! Verteidige Deine Ehre,
Verteidige mit Deiner ganzen Stärke die Ehre von Frauen!
Kein Mann kann Deinen Weg blockieren,
Nichts kann sich messen mit der Macht der Frauen.
Kämpfe wie eine Furie gegen jeglichen Widersacher!
Speie Feuer in sein Gesicht, Schwester!
Speie Feuer gegen das böse Jogini-System!
Verbrenne zu Asche diesen bösen, heiligen Brauch,
Begrabe ihn unter dem Müll der Geschichte!
Schwester, Jogini! Wach auf! Steh auf!
Auch diese Geschichte ist eine lange. Lassen Sie sie mich dadurch zusammenfassen, indem ich sage, dass es in Andhra Pradesh keine Joginis mehr gibt; alle früheren haben ordentliche Stiefväter für ihre Kinder geheiratet. Und 2005, als jemand plante, in einem bestimmten Dorf in Andhra Pradesh eine religiöse Initiationszeremonie für ein hübsches junges Mädchen als Jogini durchzuführen, protestierte das gesamte Dorf lautstark in Veranstaltungen und Märschen, bis die Machenschaft aufgegeben wurde.
In der Mitte der 90ger gründeten Hemalata und Lavanam eine Dorfschule, Sanskar Ashram Vidyalayam („vidyalayam" bedeutet „Schule"), nahe des ersten Dorfes, in das Hemalata ihr Lied gebracht hatte. Die Schule war damals für die Kinder der früheren Joginis und der ehemaligen Diebe. Ich bin freiwilliger Lehrer an dieser Schule. Sie geht von der ersten bis zur zehnten Klasse. Sie hat jetzt 300 Schüler. Die Hälfte von ihnen sind Internatsschüler und sind Kinder entweder von Familien, denen Lavanam und Hemalata bereits gedient haben oder anderen Familien vom dunklen Rand der bürgerlichen Gesellschaft: Kinder mit einem Elternteil, der ein verurteilter Gauner oder eine gewöhnliche Prostituierte oder ein Drogenabhängiger ist. Diese Schüler kommen aus dem ganzen Teil „Telangana" von Andhra Pradesh. Die andere Hälfte sind Tagesschüler aus bäuerlichen Familien.
Es ist eine wundervolle Schule (obwohl die Bezahlung der Lehrer viel geringer ist als in den meisten indischen Schulen). Lassen Sie mich Ihnen einige Bilder von ihr und des umgebenden Landes und der nahegelegenen Dörfer zeigen:
Bild 1: Hemalata und ich und Dr. Sundar, der Verwaltungsdirektor von Samskar.
Bild 2: Der Rektor, Herr Naveen, und ich und eine elegante Dame, die für die Schulküche verantwortlich ist.
Bild 3: Ein Pflug auf einem nahe gelegenen Feld.
Bild 4: Ein Ochsenkarren.
Bild 6: Frauen, die Reis pflanzen.
Bild 6: Brennholz (der hauptsächliche Brennstoff zum Kochen).
Bild 7: Ein Haus von durchschnittlicher Qualität in einem nahe gelegenen Dorf.
Bild 8 & 9: Die schlimmsten Häuser, die ich sah und die Familien, die darin leben.
Bild 10: Das beste Haus (soweit ich weiß) von denjenigen Familien, die ihre Kinder nach Sanskar Ashram Vidyalayam geschickt haben.
Bild 11: Fleißige Kinder, die ihre Wäsche waschen.
Bild 12: Wie man ungesäuertes Brot (chapatis) macht.
Bild 13: Schüler, die der eleganten Dame dabei helfen, Chillies zum Abendessen vorzubereiten.
Bild 14: Der Blick von der Spitze des Gebäudes, in dem ich schlief. Das dreistöckige Gebäude, das in der Mitte dieses Bildes zu sehen ist, enthält die Klassenzimmer der älteren Schüler. Das Erdgeschoss des zweistöckiges Gebäude ist die Kantine für die 150 Internatschüler; in der oberen sind die Schlafräume für die 75 Mädchen. (Sie und die Jungen, deren Schlafräume sich anderwo befinden, schlafen am Boden auf Matten. Sie gehen um 22h00 schlafen und stehen um 4h30 früh auf). Der Kies ist für den Bau eines Schulhefte-Fabrik.
Bild 15: Ein indischer Sport. Im Hintergrund befindet sich die Versammlungshalle der Schule und direkt daneben die halbfertige Fabrik. Dahinten steht das Gebäude, vom dem aus das Bild 14 aufgenommen wurde.
Bild 16: Cricket-Spieler.
Bild 17: Jugendliche, die auf „My Bonnie Lies Over the Ocean" reagieren, das ich sang.
Bild 18: Tagesschüler, die gegen 16.00 Uhr nach Hause gehen. Sie tragen Sandalen und ganz behelfsmäßige Büchertaschen. Die kleinen Dosen sind ihre Brotdosen. Das kleine Gebäude rechts ist die Schulbibliothek; das dreistöckige dahinter ist dasjenige, das auf Bild 14 zu sehen ist. Links sind die Klassenzimmer der jüngeren Schüler. (Ursprünglich bestand die Schule nur aus zwei solchen Hütten und in jenen Tagen, vor einem Dutzend Jahre, diente die selbe Hütte als Schlafraum. In der Nacht verscheuchte ein Wachhund an der Tür jeder Hütte die Schlangen.)
Bild 19: Gut betuchte Jungen (man beachte die Schuhe und Schlipse und eleganten Büchertaschen), die in eine andere Schule in einem nahe gelegenen Dorf gehen.
Bild 20: Samskar-Schüler, die sich zur Morgen-Zeremonie versammeln, bei der sie geloben, sich für das Wohlergehen des Indischen Volkes einzusetzen, stolz zu sein auf „sein reichhaltiges und vielfältiges kulturelles Erbe" (z.B. seine Bürger mit den verschiedenen religiösen Zugehörigkeiten), die Lehrer[inn]en zu achten und jedermann höflich zu behandeln.
Bild 21 & 22: Tagesschüler beim Mittagessen. Die Internatsschüler essen im Speisesaal, wo sie zu Beginn einer jeden Mahlzeit sagen: „Wir achten dieses Essen. Wir wollen, jedes Kind auf der Welt möge Essen, Kleidung und ein Obdach haben, so wie wir es haben. Friede und friedliches Zusammenleben sind unsere Leitprinzipien."
Bild 23: Der Schulhof (Spielplatz) an einem späten Nachmittag.
Bild 24: Beim Hören eines Radio-Abendprogramms.
Bild 25 – 27: Pflanzen und Gießen von Bäumen.
Bild 28: Tagesschüler auf der Straße.
Bild 29 - 34: Einige Beispiele von Sozialarbeit, die von Tagesschülern in ihren jeweiligen Dörfern durchgeführt wurden
Fig.29: Der Spirituosenhändler wird aufgefordert, seinen Beruf zu wechseln. (Beachten Sie sein Gesichtsausdruck!)
Fig.30: Eine Frau, die Süßigkeiten, Seife, usw verkauft wird aufgefordert, "Gupta", ein übler Kautabak, nicht mehr zu anzubieten.
Figs.31-32: Aufschreiben der letzten Nachrichten: international, national, Land, lokal.
Fig.33-34: Durchführung einer sozioökonomischen Umfrage (See www.varni.info)
Bild 35: Bei der Aufnahme politischer Lieder.
Bild 36 - 40: Einige meiner Aktivitäten neben dem Englisch-Unterricht.
Bild 36: Schach spielen.
Bild 37: Unterhalten.
Bild 38: Ein Ausschnitt von Bild 37.
Bild 39: Besuch eines sportlichen Zusammentreffens (und selbstverständlich Anfeuern der Samskar-Mannschaft).
Bild 40: Einweihung eines Computers, der von Freunden im Ausland gespendet wurde. (Die verschiedenen Bildschirme zeigen dasselbe, so dass eine Klasse von 30 Schülern unterrichtet werden kann.)
Für weitere Informationen über die Schule und einige verwandte Projekte siehe http://www.varni.info/.
Weitere Informationen über Lavanam sind leicht zu finden über Google.
Hemalatas Errungenschaften als Sozialarbeiterin haben ihr beträchtliche Ehren in Form einer Ehrendoktorwürde und mehreren angesehenen Auszeichnungen in Indien eingebracht. Aber sie ist, anders als die anderen ca. 100 national bedeutenden zeitgenössischen Leute, die in eine früher „unberührbare" Kaste hinein geboren wurden, frei von Wohlstand und Macht und ist demzufolge einzigartig. Eines von ihren Leitgrundsätzen ist: „Give and take respect", d.h., dass jede Person jeder anderen Person (ungeachtet ihrer Kaste, Klasse, Rasse, Religion usw. Achtung geben und von ihr entgegen gebracht bekommen sollte. Sie und Lavanam sind unzweifelhaft Atheisten, aber ohne die ruppige Militanz, die eher Atheisten charakterisieren, die noch darum kämpfen, sich von der religiösen Indoktrination zu befreien, die ihnen als Kinder zugefügt wurde.
