Schuldzuweisungen
Der Teil 3.2 Umverteilung wird besonders aktuell durch die Occupy-Bewegung. Was bei der Religion "heilig" ist, heißt beim Kapitalismus "systemrelevant" - der Zusammenhang ist enger als man meint.Schuldzuweisungen und Schicksalsfragen - aktuelle Religionskritik
Dies ist keine Religionskritik aus Besserwisserei oder gar um die Gläubigen zu ärgern. Es gibt genug Menschen, die im Namen des Glaubens Gutes tun, und denen sollten wir Respekt und Achtung zollen. Aber niemand sollte tatenlos zusehen, wie die Religion unsere Zukunft zerstört. Die Religion hat großen Anteil an den Problemen der Gegenwart, und ihr Einfluss geht immer weiter in die falsche Richtung. Was hier vorzutragen ist, sind Schuldzuweisungen, die an die Adresse der Religion gehen.
Diskussionsstand
Durch den Papstbesuch im Deutschen Bundestag wird die Diskussion derzeit auf die Themen Machtmissbrauch und Säkularisierung gerichtet. In diesen Punkten zieht die Kirche allgemeinen Protest auf sich, zumal durch ihren skrupellosen Umgang mit Aidsprävention und Pädokriminalität. Immer wieder geht es um die Verschleierung, mit der die Kirche ihre Würdenträger - Papst inklusive - zu schützen versucht. Sie hat deren Ansehen allzulange über den Anspruch auf Wahrheit gestellt.
Die Vertuschung der Wahrheit ist ein uraltes Problem der Kirche. Aktuelle Veröffentlichungen zu den Jesuslügen berichten darüber, wie schon vor 2000 Jahren damit begonnen wurde, und wie das durch die fehlenden Zeitdokumente evident wird. Die christlichen Evangelien sind ja nicht zeitnah geschrieben worden, sondern zig Jahre nach Christus, alles von Hörensagen und ohne ein authentisches Wort. Vor gut 1800 Jahren wurde dann das »apokryphe« Material beseitigt, also alles, was dem christlichen Mythos widersprach. In der Folge sind keine belastbaren Dokumente über Jesus' Worte übriggeblieben.
Dass die Kirche Fakten unterdrückt, folgt also einer langen Tradition. So ist es auch bei den Subventionen, die sie bezieht. Die kirchliche Lobby ist die älteste der Welt, und sie hintertreibt ebenso erfolgreich wie diskret die grundgesetzlich verordnete Säkularisierung. Die fehlende Trennung von Staat und Kirche wurde unlängst per Enthüllungsbuch ans Licht geholt, und das Echo greift um sich. Der Papst muss sich aber nicht nur Vorwürfe anhören, weil der Auftritt eines Theokraten unser Zentrum der säkularen
Demokratie herabwürdigt und die Show dennoch mit dem Geld des Steuerzahlers gesponsert wird. Neben den vielen ungerechtfertigten Subventionen kommt ja auch immer mehr Missbrauch zum Vorschein, wo kirchlich betriebene Organisationen ihre Angestellten mit Staatsgeld bezahlen, die Arbeitsverträge hingegen nach Kirchenrecht gestalten. Das bedeutet staatliche Förderung von Ausbeutung, Diskriminierung und Unterdrückung.
Für all das steht der Papst. Die Kritik zielt aber nicht nur auf die katholische Kirche oder die anderen Kirchen in Deutschland, und auch nicht nur auf die christlichen Kirchen in anderen Ländern. Der Papstauftritt fordert Kritik an allen Religionen weltweit heraus. Es geht um Schicksalsfragen der Menschheit, um die Themen Übervölkerung, Lügenkultur und Ethosdefizit. In allen drei Punkten sind schwerwiegende Schuldzuweisungen fällig.
1. Übervölkerung
Die Religion trägt schwere Schuld an der Übervölkerung der Welt, weil sie die Gläubigen zum Kinderkriegen anhält, auch wo gar kein Lebensraum mehr ist. Durch Tabuisierung der Familienplanung und durch moralischen Druck zum Kinderkriegen fördert die Religion nur ihren Eigennutz. Eine Religion ist um so erfolgreicher, je mehr Nachwuchs sie schafft; aber für die Menschheit und die Umwelt ist das katastrophal. Beide werden in Not und Elend gestürzt. Das ist ein selbstverstärkender Prozess, denn in Not und Elend gedeiht die Religion am besten, und die Übervölkerung nimmt noch mehr zu.
Die Natur ist hart zu überflüssiger Population. Bei den Kaninchen wird die Übervölkerung durch die Staupe reguliert, bei den Ratten durch die Pest; dann sterben die meisten weg. Bei den Menschen drohen sogar noch mehr Gefahren. Mit der steigenden Bevölkerungsdichte nehmen nicht nur die Seuchen zu. Es gibt Hungersnot, Völkerwanderung und Bürgerkrieg. Es gibt Umweltzerstörung durch Verwüstung, Versteppung und Überflutung. Aus dem Überangebot von Menschen ohne Existenzgrundlage heraus gibt es Kriminalität, Menschenhandel und Organhandel.
Die Schuld an der Übervölkerung trägt großteils die Religion. Die Schuld lässt sich nicht auf Medizin und Hygiene abwälzen, denn da stellt sich die Frage, warum wurden die modernen Methoden eingeführt ohne dazupassendes Ethos? Die Modernisierung des Ethos' mit Familienplanung und Geburtenkontrolle wurde von der Religion verhindert - vor allem von der christlichen, die damit besonders viel Schuld auf sich geladen hat.
Wir müssen uns darüber im klaren sein, dass Mitteleuropa mit seinen reichlich 200 Menschen pro Quadratkilometer übervölkert ist. Das sind viel mehr, als das Land erhalten kann. Deshalb müssen wir Energie und Rohstoffe importieren und insofern auf Kosten von anderen Ländern leben. Außerdem macht uns das erpressbar, und Erpressungspotentiale bleiben heutzutage nicht lange ungenutzt. Um mal einen positiven Aspekt zu erwähnen, darf noch von unserer niedrigen Geburtenrate die Rede sein. Bevölkerungsrückgang steht für Nachhaltigkeit und Umweltschonung.
Besser wäre natürlich ein weltweiter Rückgang der Bevölkerungsdichte. Im Interesse der Menschheit und der Natur muss die Tabuisierung der Geburtenkontrolle genauso abgeschafft werden wie jeder moralische Druck aufs Kinderkriegen. Es darf keinen wie auch immer gearteten Gebärzwang geben. Stattdessen sind sinkende Geburtenraten anzustreben wie bei uns. Solange sich so viele auf so engem Raum drängen, ist auch bei uns keine Förderung des Kinderkriegens angebracht. Das soll keine Einladung an die ganze Welt sein hierherzuziehen. Woanders soll man bitte auch dem Trend zum Wenigerwerden folgen. Wenn das der Religion zuwiderläuft, dann muss die Religion zurückstecken. Die Religion muss sich den Bedürfnissen der Menschen anpassen, und nicht umgekehrt. Nur so kann sie überhaupt eine Existenzberechtigung haben.
2. Lügenkultur
Dieser Gott, den man nicht sehen kann, und den man nicht beweisen kann, findet seine Entsprechung in den Luftnummern, mit denen die Finanzwelt uns beglückt. Kursgewinne schaffen keine realen Werte. Sie bringen keinen echten Wertzuwachs, sondern nur eine Geldschöpung aus dem Nichts heraus; das gleiche Blendwerk wie bei der Religion. Damit soll der Einstieg in den zweiten Schuldkomplex erfolgen, in die Lügenkultur.
Weil sie Mythen als Realität verkaufen, ist das Lügen allen Religionen gemein. Es geht nun nicht darum, die Gläubigen als arglistige Täuscher und bewusste Lügner hinzustellen, sondern es sei ihnen zugestanden, dass sie aufrichtig an ihre heilige Sache glauben. Aber der religiösen »Wahrheitsverkündung« liegt die Lüge zugrunde, und vieles, was man fahrlässig vorgebetet kriegt, wird wider besseres Wissen verbreitet. Insofern muss man dem Wahrheitsanspruch das »gelogen!« entgegensetzen.
Im nächsten Passus muss wieder speziell vom Christentum die Rede sein, weil man dort auf die Wurzeln der Lügenkultur stößt. Die Rede ist von den Idealen, die gegen das Christentum erkämpft wurden. Humanismus und Aufklärung haben uns Freiheit, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit beschert und damit die Grundlage der modernen Zivilisation gelegt. Das darf man als unsere Leitkultur auffassen, und die musste gegen den Widerstand der christlichen Religion erstritten werden. Es ist eine Lüge, wenn das Christentum die Leitkultur vereinnahmen möchte. Die Argumentation geht jetzt von der Aufklärung über die Leitkultur und Lüge & Täuschung zu den Idealen und den Menschenrechten, und überall kommen Elemente der Lügenkultur zum Vorschein.
2.1 Aufklärung
Wer auf den Knien zu einem »Herrn« betet, ist ein Sklave. Ein freier Mensch schaut nicht zu einem Herrn auf, sondern er betrachtet die anderen auf Augenhöhe. Das Kotaumachen vor einem Gott ist genau das Gegenteil von Freiheit und Gleichheit. Und die Rechtsposition des Gläubigen gegenüber seinem Gott wird von »Gnade« bestimmt, also von Willkür. Willkür ist das Gegenteil von Rechtsstaatlichkeit. Wer den Gottesstaat oder sonst eine Form von Willkürherrschaft und Terror vorzieht, muss schon ziemlich pervers sein.
Das Ideal der Freiheit ist noch alternativloser, logisch, weil sie die Freiheit zu allem anderen einschließt. Ohne Mündigkeit, Autonomie und Selbstbestimmung ist der moderne Mensch unvollständig. Bei rückständigen Kulturen mag das anders aussehen, zum Beispiel wenn die Menschen in den anatolischen Bergen oder der saudischen Wüste in Not und Elend leben. Wo es ums Überleben geht, müssen die individuellen Rechte dem Nutzen für die Gemeinschaft untergeordnet werden. Notwendigerweise wird da jeder so erzogen, dass er funktioniert und seinen Beitrag leistet. Das ist zwar kaum noch irgendwo nötig, aber speziell der Islam hält an dieser Notbremse fest und sieht die individuelle Freiheit als Schimpfwort.
Noch ein Kulturschock ist bei der Gleichheit fällig, zumal wenn Muslime mit der Gleichberechtigung für die Frau konfrontiert werden. Oft kommt es dann zum Freiheitsmissbrauch, wenn das muslimische Familienoberhaupt die modernen Freiheitsrechte für sich in Anspruch nimmt, aber innerhalb der Familie ein archaisches Terrorsystem errichtet, das Frauen und Kinder unterdrückt. Gleichheit ist nur dort, wo die Freiheit auch unten ankommt, bei Kindern und Abhängigen.
Die Gleichheit gehört schon deshalb zur Moderne, weil sie Emanzipation bringt. Darunter lief früher die Sklavenbefreiung, später ging es um die Gleichberechtigung der Frauen und der Homosexuellen. Wenn das nicht reicht, um sie zu einem unanfechtbaren Ideal zu machen, gibt es noch pragmatische Gründe. Des einen Freiheit reicht bis dorthin, wo die Freiheit des nächsten anfängt. Es ist schwer, die Grenze zu ziehen, und noch schwerer wäre es, wenn dabei Ungleichheit gilt. Also lieber Gleichheit für Ungleiche als ewiger Streit darum, wie ungleich man ist. Nebenbei bemerkt haben die Eliten der »Besseren« ja nie viel getaugt, ob das Willkürsystem nun Adel hieß, Kasten, Nepotismus oder Nomenklatura. Eine echte Leistungselite gibt es nur dort, wo die Besten und Tüchtigsten sich durchsetzen, und nicht die Korruptesten. Das leistet am ehesten die Demokratie, und die baut auf der Gleichheit auf. Damit rechtfertigt sich das Gleichheitsideal von unserer modernen Kultur allemal.
2.2 Leitkultur
Wer unsere Leitkultur für christlich hält, ist jedenfalls 500 Jahre hinter der Zeit zurück. Damals herrschte noch das Christentum und bescherte uns das Mittelalter. Doch jetzt in der Moderne ist die Leitkultur von der Aufklärung bestimmt. Das ist nicht bloß eine akademische Frage, sondern dahinter verbirgt sich eine schwere Schuld der Religion. Dieser Vorwurf zielt auf den Kern der Lügenkultur, und er trifft wieder alle Religionen:
· Religion ist die Fortschreibung vorwissenschaftlicher Irrtümer mit der Kraft des Wahns. Aus objektiver Sicht vermarktet die Religion ein Nichts. Da wird mit Nullsubstanz ein Riesengeschäft gemacht. Den Himmelsversprechungen fehlt die reale Substanz.
· Das Entsprechende in der Geschäftswelt sind Geldversprechungen ohne Substanz. Die ganze Illusionsbranche lebt von solcher Betrügerei, und die Religion macht vor, wie es geht. Das ist fatal, denn darauf gehen die Finanzkrisen ursächlich zurück.
2.3 Lüge & Täuschung
Die Finanzkunststücke, die unsere Welt erschüttern, beruhen auf Lüge und Täuschung. Anders wäre es nicht möglich gewesen, subprime als AAA zu verkaufen, also dreiviertelfaule Anlagen mit dem besten Rating. Lüge und Täuschung bildeten die Grundlage der Bankenkrise, und bei der aktuellen Schuldenkrise ist es auch wieder so. Wenn Ehrlichkeit herrschen würde, hätten die griechischen Staatsfinanzen einen anderen Stand. Die Zocker setzen sogar die Macht der Gerüchte ein, um die Realität nach ihren Wünschen zu beeinflussen – frei nach dem Muster der religiösen Offenbarungen, die ja auch nichts anderes sind als Gerüchte.
Die Illusionsvermarktung wurde von den Religionen hoffähig gemacht, und damit wurde auch der allgemeinen Illusionsvermarktung der Weg bereitet. Und wer im Glauben fest ist, der ist fest entschlossen, sich selbst zu belügen. Anders kann man das nicht nennen, wenn jemand seine Bauchgefühle partout über die Vernunft stellen will. Der Gläubige ist ein Lügner, der sich selbst belügt.
Man kann darüber diskutieren, ob die Religion das Lügen erfunden hat, oder ob der Mensch so verlogen ist, dass er dazupassende Religionen befördert. Gemessen am hehren Anspruch, das Gute zu wollen, trifft die Religion in jedem Fall schwere Schuld. Ihr Wirken geht in die falsche Richtung; weil sie noch in Zeiten von Wissenschaft und Aufklärung auf ihren Irrtümern beharrt, ist die Religion ist zum Urbild aller Lügen geworden. Indem sie ihren faulen Zauber mit Gott und Himmel und ewigem Leben vermarktet, leistet sie dem faulen Zauber von Glück und Geld und Gewinn Vorschub.
Die Gläubigen werden auch insofern zur Verantwortungslosigkeit erzogen, als sie nach dem Prinzip des geringsten Widerstands zwischen zwei konkurrierenden Welten hin- und herzappen können, zwischen der Realwelt, die uns von der Wissenschaft erklärt wird, und der Phantasiewelt der Religion, wo die Dogmatik herrscht. Der Gottesglaube beruht auf einer gestörten Beziehung zur Realität, und weil seine Dogmen an der Realität vorbeigehen, heißen die allfälligen Religionsprodukte Lüge und Heuchelei. Wieso müssen die Gläubigen die menschliche Natur verleugnen, mit gespaltenen Zungen reden und zwischen den Zeilen lesen? Warum wird das allgemeine geistige Klima mit Lügenhaftigkeit besudelt?
2.4 Ideale
Damit kommen die weiteren menschenrechtlichen Ideale aufs Tapet, die der Lügenkultur entgegenstehen. Freiheit, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit waren schon dran, jetzt kommen Enttabuisierung, Umweltschutz und materielle Freiheit dazu.
Unter Enttabuisierung laufen Aufklärung und Wertewandel, wahlweise auch Werteverlust. Die Enttabuisierung brachte mit sich, dass jedermann die Haare so lang tragen kann wie er will, vorausgesetzt es kommen noch welche. Sie brachte über die Gleichheit hinaus Correctness für Neger, Krüppel und Angeklagte - nur nicht für Götter. Es ist immer noch nicht vom mutmaßlichen Gott die Rede, oder vom vermeintlichen Heiligen Geist, obwohl die Correctness in diesem Fall besonders angebracht wäre.
Die Konservativen mögen den Werteverlust beklagen, der mit Aufklärung und Enttabuisierung einherging. Abgesehen von einigen Übertreibungen ist das aber nur ein Wertewandel, wo die überkommenen Werte durch menschengemäße Werte ersetzt werden. Echte Werte bestehen unabhängig von der Form, in die man sie fügt. Das Zusammenleben in der festgefügten Familie kann gut oder schlecht verlaufen, und dasselbe gilt für irgendeine freie Gruppenkonstellation. Das hängt von den Menschen ab, die da zusammenleben, und nicht von den Institutionen, die da reinregieren.
Dass vielerorts die Verwahrlosung um sich greift, ist weniger »dem Werteverlust« geschuldet, sondern dem intellektuellen Niedergang, der von der Religion betrieben wird. Weil das Ethos zum Niederhalten der
Gläubigen instrumentalisiert wurde, sind ethische Fragen außerhalb der Glaubenssphären generell out. Dank der religiösen Vereinnahmung werden sie als anrüchig empfunden. Überdies rächen sich die offenkundigen Wahrheitsverdrehungen, indem sie die Autoritäten schleifen.
Die Jugend realisiert, dass die Religion uns keine Leitkultur beschert, sondern eine Lügenkultur; eine Unkultur aus Blendung, Heuchelei und Betrug. Die Autorität der Wissenschaft als einzig seriöse Welterklärung wird von den religiösen Umtrieben beschädigt; von der Leugnung bis hin zu den Vereinnahmungsversuchen. Das verleidet vielen das Denken, und sie mögen sich nicht mal auf die Erkenntnisse einlassen, mit der die Wissenschaft unser Zusammenleben verbessern kann.
Teilweise ist diese Skepsis abgebaut, zum Beispiel bei den Umweltfragen. Da pfuscht die Religion weniger rein. Umweltschutz ist der nächste Punkt, der zur modernen Leitkultur gehört. Es ist nur noch nicht durchgedrungen, wie viel die Bevölkerungsexplosion zu den Umweltproblemen beiträgt. Man hört überall von den Schrecken des Klimawandels. Aber wer redet von den Schrecken der Übervölkerung, die immer mehr Ressourcen kostet und von der die Menschen erst in die prekären Lebensräume getrieben werden, wo sie den Naturgewalten so stark ausgesetzt sind?
Der letzte Punkt im Abschnitt Ideale führt nochmal von der Freiheit zu den Menschenrechten. Zu den Errungenschaften der modernen Kultur gehört unbedingt die materielle Freiheit. Wissenschaft und Technik befreien uns vom Überlebenskampf und von der Existenznot und geben uns damit die Grundlage, um die ideelle Freiheit zu nutzen. Ohne die materielle Freiheit ist unsere Leitkultur nicht denkbar.
Auch da hat die Religion die Menschen wieder alleingelassen, denn sie hat nichts dazu beigetragen, um die Menschenrechte zu erkämpfen. Die Arbeiterbewegung musste dafür sorgen, dass die Wohltaten der Technik auch bei der Allgemeinheit ankamen. Die Menschenrechte sind nicht der Religion gedankt, sondern Humanismus und Sozialismus und Wissenschaft und Technik.
2.5 Menschenrechte
Wissenschaft und Technik sind die einzige globale Kultur, heißt es. Besser wäre es, wenn überall die Menschenrechte dazukämen. Freiheit, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit für alle, sowie Enttabuisierung, Umweltschutz und materielle Freiheit. Und bitte keine Technik, keine Wissenschaft ohne Menschenrechte. Diese Verknüpfung gehört unabdingbar in unser Ethos.
In den fundamentalistischen Staaten ist von Menschenrechten keine Rede, und die Wissenschaft wird geleugnet, aber man will trotzdem an deren Errungenschaften teilhaben. Das ist unredlich. Konsequenterweise sollten sie dort auf die moderne Technik verzichten und sich auf die Hervorbringungen des eigenen Weltverständnisses beschränken. Standesgemäß sollten sie also nicht autofahren, sondern auf dem Esel reiten. Das gilt für die fundamentalistischen Christen ebenso wie für die fundamentalistischen Muslime und sonstigen übermäßig Religiösen, also für die gesamte Esel-Fraktion.
Dieses Problem spitzt sich zu mit der Frage, dürfen rückständige Regime mit fortschrittlichen Waffen ausgestattet werden? Viel besser wäre es, wenn die Esel-Fraktion bei ihren eigenen Mitteln bliebe. Sollen sie doch statt Atombomben mit Stinkbomben vorlieb nehmen. Diese Lösung ist artgerecht für die völlig Zurückgebliebenen, die nur die Technik wollen und sowohl Wissenschaft als auch Menschenrechte ablehnen.
Bleibt nur die Frage offen, wie geht man mit Staaten um, die das Moderne wollen, aber ohne die Menschenrechte zu achten? Welche Möglichkeiten gibt es, Technik und Wissenschaft nur im Paket mit den Menschenrechten weiterzugeben? Es ist klar, dem steht die menschenrechtsfeindliche Religion genauso entgegen wie bei der Verbreitung von Hygiene und Medizin. Aber nicht nur die Religion ist obstruktiv. Auch die weltumfassende Macht des Kommerz' möchte gern handeln, ohne von Menschenrechten behindert zu werden. Das ergibt eine unheilige Allianz zwischen Religion und Kommerz. Beide sind gleichermaßen auf fügsame und unmündige Menschen aus, und damit gelangt man zur dritten Schuldzuweisung.
3. Ethosdefizit
Die Wissenschaft hat sich überall in der technischen Welt durchgesetzt, denn dort funktioniert nur das, was auf der Wahrheit basiert und nicht auf irgendwelchen Phantasien. In der sozialen, medialen und politischen Welt ist das dummerweise anders. Am schlimmsten ist es in der ethischen Szene. Obwohl das ganze Leben von den modernen Errungenschaften bestimmt wird, unterliegt die ethische Szene nach wie vor der religiösen Bevormundung. Daraus resultiert das ethische Vakuum, das den Fortschritt in Markt und Technik umgibt. Es fehlt nicht nur die Verknüpfung mit den Menschenrechten, sondern es fehlt die ethische Ausgestaltung insgesamt.
3.1 Ethisches Vakuum
Die Weltreligionen wurden in vortechnischer Zeit erfunden. Durch die Überalterung der religiösen Doktrinen kennen sie keine tauglichen Regeln für Finanzmärkte und Robotereinsatz. Dies Manko lässt sich nicht korrigieren, denn der »göttliche Allwissenheitsanspruch« erlaubt keine Nachbesserung der göttlichen Doktrinen. Die Bibel, der Koran und die anderen heiligen Bücher werden nicht entrümpelt und überarbeitet. Weil die Menschheit vom gedeihlichen Umgang mit der Technik samt ihren Auswirkungen abhängt, ist das eine schwere Hypothek auf unsere Zukunft, die umgehend getilgt gehört. Obendrein findet die religiöse Bevormundung wider besseres Wissen statt, nämlich auf der Basis Glauben gegen Wissen, und das ist ein weiterer ideeller Missbrauch.
Die Folgen sind verheerend. Weil der technische Fortschritt in ein ethisches Vakuum vorstößt, eröffnet sich dort ein gesetzesfreier Raum, der von Finanzkünstlern erobert wird. Die schaffen keine Werte, sondern die mehren nur ihren Eigennutz auf Kosten der Allgemeinheit - und das moralische Machtwort dagegen bleibt ungesprochen. Letztlich ist das Ethosdefizit die Ursache für die notleidenden Staatskassen und die allgemeine Verarmung, während die Reichen immer reicher werden und viele nichtsnutzige Milliardäre hochkommen. Auch dabei laden die Religionen schwere Schuld auf sich, wie jetzt auszuführen ist. Das Ethosdefizit wirkt nicht nur bei der Weitergabe von Technik ohne Menschenrechte. Es wirkt überall.
3.2 Umverteilung
Immer mehr Umverteilungsmechanismen werden installiert, die das Geld in die Kassen der privilegierten neuen Asozialen kanalisieren, ohne dass es eine ethische Handhabe dagegen gäbe, geschweige denn passende gesetzliche Restriktionen. Ein Beispiel ist der computerisierte Umgang mit dem Geld.
Unser Geld steckt in einem Zwangssystem. Keiner kommt aus unserem Bankensystem raus, falls er nicht unter der Brücke pennen will. Wenn man ein System aufgezwungen kriegt, müssten darin Ehrbarkeit, Anstand und Redlichkeit walten. Dieser selbstverständliche Anspruch wird aber nicht erfüllt. Stattdessen ist das Geldsystem von privatem Eigennutz und Partikularinteressen verseucht. Es befindet sich in der Hand von Parasiten, die mit unserem Geld unanständige Risiken eingehen, und die uns aus der Mitte des Systems heraus abzocken. Was sie dabei an sich raffen können, behalten sie für sich. Nach den neusten Zahlen wird die Hälfte der Gewinne als Boni ausgeschüttet, und die andere Hälfte schreibt sich die Bank als Eigenkapitalrendite zugute.
Soweit der normale Missbrauch, und dazu kommen noch die Extras. Wo es nur Verluste gibt, werden die Boni nämlich direkt vom Umsatz abgezweigt - also Belohnung für Verluste. Und wenn's ganz schiefgeht, kommt es richtig dicke. Dann werden die Firmen auf Staatskosten saniert. Es kassieren also die Manager und die Bankbesitzer, während die Geldgeber, sprich die Allgemeinheit, mit einem schäbigen Minimum an Verzinsung abgespeist werden und obendrein noch das Risiko tragen.
Die Zocker missbrauchen die ganzen Finanzplätze für ihre parasitären Zwecke. Die Börsen und die Finanzmärkte dienen ihnen, und nicht mehr der Realwirtschaft. Die Zocker schaffen keine Werte, sondern sie reißen die Werte der Allgemeinheit an sich. Indem sie nichts als Geldherumschieberei und Kursschwankungen produzieren, realisieren sie für sich den Traum, einen Schatz zu heben. Im Klartext heißt das, Abkassieren ohne Gegenleistung. Die Börsen werden zum Millisekundentrading missbraucht, die Finanzmärkte wickeln zwanzigmal mehr »Eigengeschäfte« ab als realwirtschaftlich begründete. Bei den Devisenbörsen ist das Verhältnis genauso eklatant. Auch die Rohstoff- und Nahrungsmittelbörsen leiden unter der ausufernden Spekulation, und es geht sogar schon bis zum spekulativen Aufkauf von Äckern und Wäldern.
3.3 Missbrauch
Die Zentralbanken heizen den Trend noch an, indem sie der Finanzwelt Unmengen von nahezu zinslosem Geld zur Verfügung stellen. Damit wird die Spekulation auf die Spitze getrieben, weil die Zocker mit diesen Geldern noch in den abwegigsten Gebieten auf Renditejagd gehen, auch wo sie von Rechts wegen nichts zu suchen haben sollten. Nur Infrastruktur-Investitionen und Staatsanleihen sind vergleichsweise uninteressant geworden, also die Bereiche, wo das Geld nutzbringend investiert werden kann. Das Schlimmste ist, dass die beutelüsternen Nichtsnutze nicht bloß die Lebenshaltung verteuern, sondern dass sie haarsträubende Risiken in die Finanzwelt tragen und in ihrem egoistischen Interesse sogar das Finanzsystem insgesamt gefährden. Die Systemrisiken gehen dummerweise genauso zu Lasten der Allgemeinheit wie die übermäßigen Profite, die dem Finanzsystem abgepresst werden. Unterm Strich ist die Feststellung korrekt, dass der Missbrauch der Glücksritter unser System schwerer belastet als alle Verbrecher zusammen.
Das Ethosdefizit sorgt dafür, dass es so bleibt. Es war bei der Bankenkrise so, und nun wiederholt es sich bei der sogenannten Euro-Krise. In Wirklichkeit ist das eine Schuldenkrise, der man mit noch mehr Schuldenmachen beizukommen sucht. Weil die Allgemeinheit vom Bankenretten genug hat, darf es jetzt nicht mehr Bankenkrise heißen, obwohl weniger den Staaten geholfen wird, als den Banken mit den betreffenden Staatsanleihen. Wiederum wird von unten nach oben umverteilt, und die moralische Entrüstung dagegen die bleibt aus. Der Steuerzahler muss die Finanzleute weiter subventionieren.
Das liegt sicher auch an den Milliarden, die ihre Lobby gegen die politischen Regulierungsversuche anschiebt. Unter dieser Bedrängnis vermag die Politik den entfesselten Kommerz genausowenig einzuschränken wie den globalisierten Gesetzesbruch. Steueroasen werden nicht trockengelegt, und Kapitalflucht wird doppelt so oft subventioniert wie verfolgt. Nicht einmal das, was ethisch abgedeckt ist, wird gesetzgeberisch ausgefüllt.
Noch mehr verschärft sich das Problem, weil auch im Politikbetrieb die Ideologie über die Wissenschaft siegt. Wie im Beispiel der Schuldenkrise, versucht man immer wieder, volkswirtschaftliche Gesetze durch politische Entscheidungen außer Kraft zu setzen. Das ist eine direkte Spiegelung der religiösen Dogmatik, die sich auch über die Realität erheben möchte. Schon deshalb wird ein zeitgemäßes Ethos gebraucht, das die Politik mit den richtigen Imperativen ausstattet, was zu tun und was zu unterlassen ist.
3.4 Regelungsdefizit
Angesichts der Narrenfreiheit für die Reichen und der Subventionierung ihrer Fehler könnte man überspitzt sagen, die Banker machen mit unserem Geld, was sie wollen, und die Politiker sowieso. Das Ethosdefizit schlägt sich in einem Regelungsdefizit nieder, das ihnen zu viele Freiheiten erlaubt. Dabei sind beide Fakultäten Dienstleister, die ihr Wirken dadurch rechtfertigen, dass sie dem Allgemeinwohl dienen. Statt diese Aufgabe zu erfüllen, schwingen sie sich zu Herren auf, ohne dass sie in die Grenzen gewiesen werden. Sie treiben Missbrauch, indem sie Börsen und Finanzplätze als Zockerparadiese verfügbar machen und missbrauchen. Sobald es einer schafft, so viel Schaden anzurichten, dass er »systemrelevant« wird, hat er ausgesorgt, denn dann wird seine Firma im Schadensfall auf Staatskosten saniert. Und um das möglich zu machen, betreiben die Politiker auch noch Selbstermächtigung, die ihnen an den Parlamenten vorbei ungezählte Milliarden zum Umverteilen verfügbar macht.
Mangels vernünftiger ethischer Vorgaben bleibt dieses ungute System sakrosankt. Man malt uns den Teufel an die Wand, dass es zusammenbrechen könnte, und schrecklicher Schaden entsteht. Doch wer weiß, ob sich die Leute nicht solidarisieren würden, wenn es gegen das Abzockergesindel geht? Zusammenhalten, ohne die Banken zu stürmen? Diese Chance kriegen wir aber nicht. Es gilt das unausgesprochene Dogma, das Finanzsystem zu erhalten, wie es ist. Darin sieht man die Erhaltung der Religion gespiegelt, die alles tut, um als sakrosankt und heilig zu gelten und ihre Dogmen zu bewahren.
4. Fazit
Die Religion hat es nicht verdient, mitsamt ihrer furchtbaren Fehler zu überleben, wie der Diskursunmissverständlich klarmacht. Und warum muss eigentlich ein Finanzsystem erhalten werden, das so missbräuchlich konstruiert ist?
Die Systemfrage stellt sich bei den Finanzen genauso wie bei der Religion. Was das Religionssystem produziert, sind Übervölkerung, Lügenkultur und Ethosdefizit. Was das Finanzsystem produziert, sind horrende Staatsschulden und ebensolche Gewinne für die Privilegierten, während die anderen sich immer schlechter stellen. Für die Allgemeinheit sind beide Systeme schlecht. Durch das unselige Zusammenwirken ist nicht mal Besitzstandswahrung drin, weil die menschliche Arbeitskraft von der Übervölkerung entwertet wird, und weil die Umverteilungsmechanismen immer mehr Leute in prekäre Arbeitsverhältnisse zwingen - sofern sie überhaupt noch Arbeit finden.
4.1 Kannibalisierung
Damit hat der Diskurs ökonomische Gefilde erreicht, die von der religiösen Schuldzuweisung scheinbar weit weg sind. Doch schon der Blick auf die Arbeitslosenstatistik bringt wieder die Lügenkultur zum Vorschein. Die schönen Zahlen sind nämlich gelogen, weil sie Ausbeutungsplätze und Arbeitsplätze zusammenzählen und viele Jobsuchende dafür weglassen. Das gehört zu den wohlfeilen Lügen, und die tatsächliche Arbeitslosigkeit ist viel höher als behauptet. Kaum ein Staat kommt unter zehn Prozent weg. Oft sind es auch zwanzig Prozent, Tendenz generell steigend, bis zu den fünfzig Prozent Jugendarbeitslosigkeit in Spanien. Jedes Jahr wird die »Produktivität« um zwei Prozent größer, und jedesmal, wenn es weniger als zwei Prozent Wirtschaftswachstum gibt, sinkt die Beschäftigungsquote. Im Klartext heißt das, die Roboter und Automaten übernehmen immer mehr Arbeit, und dafür werden die Menschen arbeitslos.
Aus ethischer Sicht ist das eine beispiellose Kannibalisierung. Indem sie immer bessere Automaten und Roboter baut, arbeitet die Menschheit darauf hin, sich selber arbeitslos zu machen. Es gibt kaum ein Gebiet, auf dem die Roboter nicht reüssieren, und es kommen immer neue Umwälzungen auf uns zu. Durch den technischen Fortschritt werden immer neue Gemeinheiten möglich, mit denen Arbeitskräfte abgeschafft, verlagert und billiggemacht werden können, und mit denen die Computerwelt zum Schaden der Allgemeinheit missbraucht werden kann. Das Ethosdefizit gewährleistet, dass so etwas nicht tabu ist, und der kommerzielle Fortschritt namens Globalisierung sorgt dafür, dass die Gemeinheiten realisiert werden. In den weltweiten Märkten gibt es keine Schutzzonen mehr, und sobald jemand damit anfängt, müssen die anderen nachziehen. Entweder sie machen mit, oder sie werden von den Billigmachern aus dem Markt gedrängt.
Dabei war die Idee doch ganz anders. Die Roboter können uns gern Arbeit abnehmen, aber sie müssen für uns arbeiten und nicht gegen uns. Das Ethos ist massiv gefordert, diesen Anspruch auf alle Zeit festzuschreiben. Indem das religiös vermurxte Ethos da versagt, um uns stattdessen mit widernatürlichen Moralvorschriften zu belästigen und mit vermeintlichen Sünden zu besudeln, häuft es noch mehr Schuld auf sich.
4.2 Schicksalsfragen
Die Übervölkerung in den Griff kriegen – der Lügenkultur Wahrheit entgegensetzen – das Ethosvakuum auffüllen- das sind unsere Schicksalsfragen. Das Ethosdefizit läßt sich in mehrere Hauptpunkte aufgliedern: Den Kommerz in die Schranken weisen - den Finanzkünstlern Regeln auferlegen - der Entsozialisierung Grenzen setzen - den Umgang mit Daten zukunftsfähig gestalten - die Rechte von Mensch und Natur gegen Ausbeutung sichern - die Technik mit den Menschenrechten verknüpfen. Hier noch die top-aktuelle Auswahl der dringenden Fragen:
- Ist es zulässig, dass mit viel Geld sehr viel Geld verdient wird und mit Arbeit kaum das Nötigste?
- Dürfen Politiker Gewinne privatisieren und Verluste sozialisieren?
- Müssen die Roboter nicht für die Allgemeinheit arbeiten, statt nur für die Besitzenden?
- Darf unter dem Diktat der Ökonomie die Lebensqualität wegoptimiert werden?
- Ist es zulässig, dass die Krämerseelen unsere technischen Innovationen in die ganze Welt verkaufen, wo sie dann gegen uns eingesetzt werden?
- Müssen nicht ethische Standards mit tradiert werden, die einen adäquaten Umgang mit den technischen Standards bewerkstelligen?
Diese Fragen brauchen schleunigst eine kompetente Antwort, und das ist der Stoff, aus dem die ethischen Dogmen für die Zukunft gestaltet werden müssen. Es mangelt ja nicht an der Aufklärung über die globalen Missbrauchsprobleme, bloß kommen keine passenden Korrekturen in der ethischen Agenda an. Das ist den religiösen Agendasettern gedankt, die ihre Uralt-Dogmen vor jeder Verbesserung bewahren. Die Schuldzuweisung an die Religion lenkt die Kritik endlich auf die Grundlage dieses Problems. Fundamentale Änderungen sind fällig; und falls die Religionen dann an einer Überdosis Wahrheit zugrundegehen, wird sich das Bedauern in Grenzen halten.
4.3 Prioritäten
Die Religionen dürfen jedenfalls nicht länger den ethischen Fortschritt behindern. Wo sie Interesse entwickeln, wie bei der vergleichsweise unwichtigen Präimplantationsdiagnostik, zetteln sie ethische Diskussionen an. Bei den wirklichen Schicksalsfragen versagen sie indessen komplett. Sie dürfen uns aber nicht die Zukunft vermasseln, bloß weil sie finden, der Mensch dürfte sich keine »göttlichen Befugnisse« anmaßen, und weil sie vielleicht meinen, sie könnten nochmal eine Neuauflage vom Mittelalter durchsetzen. Das kann schon deshalb nicht sein, weil der technische Fortschritt die Lebensverhältnisse umkrempelt und durch viel Information für weitere Aufklärung sorgt.
Was man mit größerer Wahrscheinlichkeit befürchten muss, ist der endlose Schrecken der Übervölkerung, die unendliche Abzocke durch die Finanzkünstler, und die dauerhafte Beschädigung der Menschenrechte durch das ausufernde Ethosdefizit. Undemokratische und korrupte Staaten wie Rußland oder China könnten zukünftig die Agenda setzen. Die freie Menschheit ist deshalb gut beraten, dem freigeistigen ethischen Fortschritt Priorität zu geben. Die allgemeine Protestbereitschaft ist groß genug, um etwas zu bewirken, nur setzt sie oft am falschen Ende ein. Besser wär's, wenn die basisdemokratische Kritik sich unseren Schicksalsfragen zuwendet. Man wird sich nachhaltig mit der Religion befassen müssen - aber anders, als der Papst es möchte.
