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Geschichte des Bundes für Geistesfreiheit Bayern

Geschichtlicher Abriss, zusammengestellt von Helmut Steuerwald, Nürnberg (Stand: 1. Januar 2014)


 
Die Ursprünge des Bundes für Geistesfreiheit reichen in die Jahre des Vormärzes, die Jahre vor der bürgerlich-demokratischen Revolution von 1848 zurück und sind verbunden mit der Geschichte der freireligiösen Bewegung. Als Initialzündung kann die Herausgabe eines Offenen Briefes gegen die Zurschaustellung des so genannten Heiligen Rockes von Trier 1844 gewertet werden. In diesem Brief wandte sich der katholische Kaplan Johannes Range (1813-1887) gegen den krassen Aberglauben in der Kirche. Auch auf protestantischer Seite gab es zu der Zeit eine kritische Bewegung, die sich der Aufklärung verbunden fühlte. Ihre Anhänger wurden häufig als „Lichtfreunde“ bezeichnet.

In der Folge entstanden deutsch-katholische, freie christliche oder freie religiöse Gemeinden. Die neuen Gemeinden wurden nach der Niederwerfung der Revolution 1851/52 in den deutschen Landen verboten. Nachdem liberalere Strömungen sich gegen Ende der 50er Jahre des 19. Jahrhunderts durchsetzten konnten, durften die Gemeinden wieder entstehen. Sie führten nun meist den Namen Freireligiöse Gemeinde. Bereits 1859 kam es in Deutschland zur Gründung eines Gesamtverbandes Bund Freireligiöser Gemeinden.

In Bayern konnten die ersten Gemeinschaften erst während der Revolutionsjahre 1848/49 gegründet werden, so unter anderem in München, Nürnberg, Fürth und Schweinfurt. Christliche Vorstellungen und entsprechende Rituale verloren hier rasch an Bedeutung. Neue, auf der Philosophie der Aufklärung beruhende Ansichten setzten sich durch. Auch die bayerischen Gemeinden wurden nach der Niederwerfung der Revolution 1851/52 wieder verboten. Begründet wurde das Verbot unter anderem damit, dass die Gemeinden "eine Richtung genommen haben, welche dem Christentum und selbst dem Begriffe und Wesen von Religion und Religionsgemeinschaft überhaupt widerstreitet und deshalb notwendig zum Verfalle allen Glaubens und dem hierauf gegründeten sittlichen und bürgerlichen Verhältnisse führen muss ... " Bei der Begründung des Verbotes wurde festgestellt, dass in den Gemeinden die Philosophie Ludwig Feuerbachs erheblichen Einfluss hatte.
 
Aber gegen Ende der 50er Jahre des 19. Jahrhunderts konnten sich die freireligiösen Gemeinden auch in Bayern wieder bilden. Sie entwickelten sich alsbald rege in Nürnberg, Fürth und Umgebung. Später erst kamen München (1870), Schweinfurt (1905), Erlangen (1907), Augsburg (1911) und andere dazu. In Bayern ging man auf Distanz zu den religiösen Vorstellungen Johannes Ronges, dem Gründer der freireligiösen Bewegung, und man wandte sich naturalistischen und materialistischen Vorstellungen zu. Neben althergebrachten freireligiösen Vorstellungen kamen in den Organisationen atheistische Haltungen zum Tragen.
 
Auf diesem Hintergrund kann festgestellt werden, dass in Bayern schon frühzeitig teilweise andere Wege eingeschlagen und weiter verfolgt wurden als in der übrigen freireligiösen Bewegung. Gründe hierfür sind vor allem:
 
1. Die historische Entwicklung Bayerns mit seinem ausgeprägten reaktionär-konservativen Katholizismus. Dies führte in der freigeistigen Bewegung zu stärkeren anti-klerikalen Haltungen. Man befasste sich deshalb auch frühzeitig mit der Religionskritik von David Friedrich Strauß (1808-1874) und anderen.
 
2. Die philosophischen Anschauungen Ludwig Feuerbachs (1804-1872) beeinflussten die Gemeinden in Bayern stark.
 
3. Der bedeutende Prediger und Sprecher Carl Scholl (1820-1907), ein Anhänger der Lehren Feuerbachs, übte großen Einfluss auf die freireligiöse Bewegung in Bayern aus. Auch in seiner monatlich erscheinenden Zeitschrift "Es werde Licht" vertrat er für das 19. Jahrhundert äußerst moderne Anschauungen. Er wandte sich gegen überkommene Rituale, setzte sich für die Gleichberechtigung der Frauen ein, stand für Friedenspolitik, wandte sich gegen Antisemitismus und andere reaktionäre Haltungen.
 
4. So kam es, dass man sich in den Gemeinden mit modernen naturwissenschaftlichen Auffassungen auseinandersetzte und dort die Entwicklungslehre Darwins Bedeutung erlangte. 
 
5. Aus der sich rasch entwickelnden Arbeiterbewegung der Industriestädte Nordbayerns fanden viele engagierte Mitglieder und führende Kräfte den Weg in die freireligiösen Gemeinden. Es entstand eine fruchtbare Zusammenarbeit vor allem auf dem Bildungssektor.
 
6. Im 20. Jahrhundert wandten sich die meisten Gemeinden frühzeitig gegen den aufkommenden Nationalsozialismus und waren antifaschistisch eingestellt. Nach der Machtergreifung wurden die meisten Gemeinden verboten.
 
7. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es im Bund für Geistesfreiheit stärkere atheistische Strömungen, und man nahm eine klar antimilitaristische Haltung ein. Der Bund für Geistesfreiheit engagierte sich von Anfang an in der Friedensbewegung und in Bürgerbewegungen.
 
Obwohl die freireligiösen Gemeinden in Bayern ab 1859 offiziell wieder zugelassen worden waren, hatten sie stets unter Schikanen der bayerischen Regierung zu leiden. Frühzeitige Ansätze, Jugendweihen und freireligiösen Unterricht einzuführen, wurden verhindert wie die Bildung von Frauengruppen. 1861 schickten mehrere Eltern aus Nürnberg ihre Kinder zur "freireligiösen Confirmation" nach Ulm, da entsprechende Feiern in Nürnberg verboten wurden.

Nach mehrjährigen Auseinandersetzungen mit der bayerischen Regierung konnte 1869 endlich der Frauenverein der Freireligiösen Gemeinde Nürnberg gegründet werden. Dieser Verein stand dann aber über viele Jahre unter Polizeiaufsicht. Dann war 1872 die erste "freireligiöse Confirmation" der freien Gemeinde Nürnberg möglich; Carl Scholl hielt die Feierrede [3]. Seit 1889 wurde hierfür in Nürnberg der Begriff "Jugendweihe" verwendet [4].
 
Als Ludwig Feuerbach 1872 starb, rief die Nürnberger Arbeiterbewegung sowie die Freireligiöse Gemeinde die Menschen zur Teilnahme an der Beerdigung auf. Etwa 10 000 Menschen kamen, ganz erstaunlich für Nürnberg, das damals nur rund 80 000 Einwohner hatte. Hauptredner am Grabe war wieder der freireligiöse Sprecher Carl Scholl.
 
In den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts setzte sich an öffentlichen Schulen in Nürnberg und Fürth der freireligiöse Unterricht durch. Zwar wurde er von der bayerischen Regierung bekämpft, aber vom Stadtrat und der Stadtverwaltung wirtschaftlich und sachlich unterstützt. Nach dem Ersten Weltkrieg, in der Weimarer Zeit, erlangte er seine größte Bedeutung, vor allem durch den engagierten Lehrer und Sprecher Dr. Hans Schmidt.
 
Die bayerischen Gemeinden kooperierten, es gab jedoch keine gemeinsame Plattform. Eine solche wurde erst am 19. Februar 1919 mit der Gründung der Freireligiösen Landesgemeinde geschaffen, wobei die Eigenständigkeit der Ortsgemeinden gewahrt blieb. Im Einklang mit der neuen Weimarer Verfassung wurde sie nicht mehr als Religions-, sondern als WeItanschauungsgemeinschaft bezeichnet. Zum 1. Vorsitzenden wurde Dr. Hermann Heimrich, hauptamtlicher Stadtrat in Nürnberg (später bekannter Oberbürgermeister von Mannheim) gewählt.
 
In der Weimarer Zeit entwickelte sich ein reges Verbandsleben, vor allem in Nordbayern. Die bayerischen Verbände fühlten sich als Sammelbecken für freireligiöse, freigeistige und freidenkende Menschen. Daher wurden Bestrebungen nach einer Namensänderung laut. In Nürnberg wurde dann 1927 die Gemeinschaft offiziell in Bund für Geistesfreiheit (Freireligiöse Gemeinde) umbenannt. Weitere Städte folgten.
 
Im Jahr 1927 erhielten verschiedene örtliche Gemeinschaften die Körperschaftsrechte, so Nürnberg, Fürth und München.
 
Der Bund für Geistesfreiheit, Parteien, Gewerkschaften und Sponsoren aus der Wirtschaft planten gemeinsam eine Gedenkstätte für Ludwig Feuerbach. Verwirklicht wurde dies 1930 mit der Errichtung des Ludwig-Feuerbach-Denkmals auf dem Rechenberg in Nürnberg. Oberbürgermeister Dr. Luppe übernahm es in die Obhut der Stadt. Allerdings wurde bereits drei Jahre später - nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten - vom gleichgeschalteten Nürnberger Stadtrat die Beseitigung des Denkmals beschlossen. NS-Oberbürgermeister Liebel begründete das hauptsächlich so: "Auf der einen Seite trägt das Denkmal die Inschrift ,Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde'. Wir sind der Auffassung: Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde.".1m Jahr 1955 konnte das Denk- mal als Wiedergutmachung gegen den Widerstand der CSU und kirchlicher Organisationen erneut errichtet werden.
 
Nachdem die Nationalsozialisten 1933 die Macht im Staat übernommen hatten, sahen sich die Gemeinschaften in Bayern schon bald schweren Verfolgungen ausgesetzt: Geschäftstellen wurden zerstört, Unterlagen und Geld beschlagnahmt und führende Persönlichkeiten der Organisation verhaftet, wie etwa der Nürnberger Vorsitzende Richard Schramm, den man dann noch ins Konzentrationslager Dachau brachte. Ähnlich erging es weiteren Vorstandsmitgliedern. Der Bund für Geistesfreiheit in Nürnberg, Fürth und auch andere Gemeinschaften, zum Beispiel die Freireligiöse Landes gemeinde, wurden 1934 endgültig verboten. Eine Ausnahme bildete die Freireligiöse Gemeinde in München, die zwar verfolgt wurde, doch unter großen Schwierigkeiten weiter bestehen konnte [6].
 
Der Wiederaufbau der Organisationen nach dem Zweiten Weltkrieg gestaltete sich schwierig, da viele Unterlagen verloren gegangen waren und Geldmangel herrschte. Am 26. April 1946 gelang es zunächst, den Bund für Geistesfreiheit (bfg) in Nürnberg neu zu gründen. Andere Ortsgemeinschaften folgten. Der bfg Augsburg wurde 1911 gegründet, 1933 von den Nazis verboten und 1950 wiedergegründet. 1947 konnte die Freireligiöse Gemeinde Bayern wieder ins Leben gerufen werden.
 
Noch im gleichen Jahr erhielt sie den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts. Die Landesgemeinde nannte sich ab 1977 Freigeistige Landesgemeinschaft Bayern und schließlich seit 1990 Bund für Geistesfreiheit (bfg) Bayern. Auch die verschiedenen Ortsgemeinschaften entschieden sich im Laufe der Jahre für diese Bezeichnung. Nürnberg trat allerdings 1996 dem Humanistischen Verband Deutschlands (HVD) bei und führt deshalb seit 1999 den Namen Humanistischer Verband Deutschlands - HVD Nürnberg.
 
Ab 1969 hat sich der bfg Bayern mit Engagement für den Kirchenaustritt eingesetzt, was einen sprunghaften Anstieg der Austritte bewirkte. Im Jahre 1973 erfolgte die Gründung der Initiative für Trennung von Staat und Kirche, an der der bfg Bayern aktiv be teiligt war. 1979 wurde durch den Einsatz des bfg Bayern eine Arbeitsgemeinschaft für die Trennung von Staat und Kirche ins Leben gerufen. 1976 beschloss der bfg Nürnberg die Gründung der Initiative für humanes Sterben, aus der später die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) hervorging.
  
Zum 31. Dezember 1991 trat der Bund für Geistesfreiheit (bfg) Bayern aus dem Bund Freireligiöser Gemeinden Deutschlands (BFGD) aus und schloss sich dem Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften (DFW) an. Dadurch ist er Mitglied in der Internationalen Humanistischen und Ethischen Union (IHEU).

In den 90er Jahren wurde ein neues Grundsatzprogramm erarbeitet.

Anmerkungen:
[1] Bund Freireligiöser Gemeinden Deutschlands (Herausgeber): "Die Freireligiöse Bewegung - Wesen und Auftrag". Im Selbstverlag, 1959.
[2] Dr. Franz Bohl: "Die freireligiöse Bewegung in Bayern -Werden und Wirken". Freireligiöse Landesgemeinde Bayern, 1961? (letzte Daten von 1960).
[3] Carl Scholl: "Es werde Licht", Jahrgang III, Heft 6, 1872, S. 81 ff. (Stadtarchiv Nürnberg).
[4] earl Scholl: "Es werde Licht", 20. Jahrgang, Nr. 10, Juli 1989, S. 147 ff. (Stadtarchiv Nürnberg).
[5] Dr. phi!. Franz Bohl: "100 Jahre Kampf um Ludwig Feuerbach". Erschienen im Auftrag des Bundes für Geistesfreiheit (bfg) Nürnberg, 1955, S. 30.
[6] Helmut Steuerwald: "Die freigeistigen Bewegungen und der Nationalsozialismus". Herausgegeben vom Bund für Geistesfreiheit (bfg) Fürth, 2002.