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Offener Brief gegen Gleichsetzung von Schwangerschaftsabbrüchen mit dem Holocaust

Zuletzt aktualisiert von presse am 25. April 2019 - 14:57

Die Tageszeitung taz berichtete am 17. April 2019 von einer privaten Kapelle, in der Abtreibungen mit dem Holocaust verglichen werden. Zuvor hatten die beiden Kreisvorsitzenden der Partei DIE LINKE. Mittlere Oberpfalz, Eva Kappl und Marius J. Brey, in einem Offenen Brief auf die Kapelle und ihren Erbauer aufmerksam gemacht. Wir dokumentieren den Offenen Brief an dieser Stelle.

"Sehr geehrter Herr stellv. Landrat Müller,
sehr geehrter Herr Bischof Voderholzer,

in Pösing im Landkreis Cham steht eine Kapelle namens “Der stumme Schrei”. Erbaut hat sie der militante Abtreibungsgegner Franz Graf vor zehn Jahren - ein Geschenk an sich selbst zu seinem fünfzigsten Geburtstag. Jener kämpft laut eigenen Angaben bereits seit seiner Jugend gegen Schwangerschaftsabbrüche.[1] Die Kapelle wird zwar privat betrieben, ist jedoch öffentlich zugänglich, und es fanden Prozessionen dorthin statt.

Wir wenden uns in diesem offenen Brief an Sie, da Sie als stellv. Landrat sowie das Bistum Regensburg bekanntermaßen in der Vergangenheit als Unterstützer dieser Kapelle aufgetreten sind.

Es handelt sich bei der Franz-Graf-Kapelle nicht um eine – im üblichen Sinne – “normale” Kapelle. Nein, mit dieser Kapelle in Pösing werden Frauen angeklagt, die Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen haben. Diese werden des “Mordes an ungeborenem Leben” bezichtigt. Das Recht von Schwangeren auf Selbstbestimmung über ihren Körper wird negiert und dem ungeborenen Fötus stets ein höherer Wert eingeräumt als dem Leben und den Rechten der Frau. 

Damit nicht genug: Unzählige Male setzt Graf in dieser Kapelle die Ausnahmeregelungen zum Paragraph 218, die Frauen in Deutschland einen Schwangerschaftsabbruch ermöglichen, mit der Shoah gleich. Unabhängig davon, wie man zu Schwangerschaftsabbrüchen stehen mag, verbittet sich dies in jedem Falle. So trägt beispielsweise einer der Steine im Inneren der Kapelle die Inschrift “Auschwitz ist heute in unseren Krankenhäusern und Abtreibungskliniken sowie in gynäkologischen Praxen und durch die Einnahme von Abtreibungsmitteln”. Auch auf einem Gedenkstein vor der Kapelle steht geschrieben: “Ungeborene Kinder. Der größte Völkermord in der Geschichte der Menschheit. Der legale Kindermord durch Abtreibung. Der ’Holocaust’ an ungeborenen Kindern”. 

Behörden, die Justiz, Ärztinnen und Ärzte sowie Parteien werden von Franz Graf an verschiedensten Stellen mit dem NS-Regime gleichgesetzt. Bis hinunter auf die kommunalpolitische Ebene werden jene Politikerinnen und Politiker namentlich in Infokästen angeprangert, die seinen misogynen Kampf gegen das Selbstbestimmungsrecht von Frauen nicht unterstützen. 

Beim Jubiläum der Kapelle im vergangenen Jahr ging Franz Graf sogar noch einen Schritt weiter. Laut einem Bericht des Bayerwald-Echo sagte er in seiner Ansprache: “Was ist Auschwitz gegen diesen Massenmord an Kindern?”, und ergänzte, “die legale Abtreibung ist der größte Völkermord in der Geschichte der Menschheit”.[2] Er zieht hier also nicht nur einen Vergleich zum Holocaust, sondern verharmlost diesen sogar, indem er die Shoah als weniger bedeutend bezeichnet.

Wir sind der Überzeugung: Wer den Holocaust mit etwas gleichsetzt oder gar behauptet, etwas wäre schlimmer als dieses unvergleichliche Menschheitsverbrechen, der stellt damit offenkundig die Singularität, also die Einzigartigkeit, der Shoah in Frage. Dies stellt eine Verharmlosung der Gräueltaten des Nationalsozialismus dar, verhöhnt dessen Opfer und grenzt an Volksverhetzung.

Doch statt die Kapelle und ihren Erbauer zu ächten und sich an die Seite der angegriffenen Frauen und Opfer der Shoah zu stellen, unterstützen Sie Franz Graf in seinem Treiben. Sie, Herr Müller, waren als stellvertreten-der Landrat bei der Jubiläumsfeier als “Vertreter der Politik” anwesend, zollten Franz Graf damit Ihren Respekt und sicherten ihm Unterstützung zu.[2] Als jener kurze Zeit später einen weiteren “Gedenkstein”, der auf seine Kapelle aufmerksam machen soll, unmittelbar an der Landstraße errichtete, kam dies bereits zum Tragen. Da der Gedenkstein eine Gefahr für alle vorbeifahrenden Autos darstellt, forderte das Bauamt Regensburg eine Leitplanke, die zunächst Franz Graf hätte bezahlen sollen, und dann doch kurzerhand aus Steuergeldern finanziert wurde.[3]

Wir finden: Diese Kapelle ist eine Schande für den Landkreis Cham und seine Bürgerinnen und Bürger. Der Landkreis Cham ist weltoffen, er ist solidarisch, er ist ein Ort des gegenseitigen Respekts und der Toleranz. Hetze gegen das Selbstbestimmungsrecht von Frauen über ihren Körper darf hier keinen Platz haben. Schwangerschaftsabbrüche mit dem Holocaust gleichzusetzen oder gar zu behaupten, Abtreibung wäre ein größeres Verbrechen als die Shoah verhöhnt die Opfer des Nationalsozialismus. Das ist antisemitisch und hat einen an Volksverhetzung grenzenden Charakter. 

Dass auch die höchste politische Ebene unseres Landkreises sowie das Bistum diese Hetze nicht nur dulden, sondern sogar unterstützen, ist ein Skandal.  

Wir fordern daher:

  1. Keine weitere Sonderbehandlung von behördlicher Seite für Franz Graf und seine frauenverachtende sowie antisemitische Kapelle.
  2. Der stellvertretende Chamer Landrat Markus Müller (CSU) muss sich von den Aussagen Franz Grafs, insbesondere von der Relativierung der Shoah durch diesen, distanzieren, wenn er weiterhin politisch tragbar sein möchte.
  3. Das Bistum Regensburg muss klarstellen, wie es zur Gleichsetzung von Schwangerschaftsabbrüchen mit dem Holocaust steht und ob dies mit den Werten der katholische Kirche vereinbar ist. Es muss sich von seiner Unterstützung Franz Grafs in der Vergangenheit distanzieren und sicherstellen, dass keine weiteren Prozessionen zur Kapelle oder ähnliche Veranstaltungen mit Vertretern der katholischen Kirche dort stattfinden, um einer entsprechenden Positionierung Gehalt zu verleihen. 
  4. Franz Graf muss sich für seine unsäglichen Holocaust-Gleichsetzungen entschuldigen und die entsprechenden Passagen entfernen.

Mit freundlichen Grüßen

Eva Kappl
Kreisvorsitzende DIE LINKE. Mittlere Oberpfalz
Gleichstellungsbeauftragte im Landesvorstand DIE LINKE. Bayern

Marius J. Brey
Kreisvorsitzender DIE LINKE. Mittlere Oberpfalz
Religionspolitischer Sprecher im Landesvorstand DIE LINKE. Bayern"


[1]www.youtube.com/watch

[2]www.mittelbayerische.de/region/cham-nachrichten/eklat-um-poesinger-abtreibungs-mahnmal-20909-art1685752.html

[3]www.mittelbayerische.de/region/cham-nachrichten/leitplanken-fuer-abtreibungs-gedenkstein-20909-art1723421.html