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Rituale und Rationalität

Zuletzt aktualisiert von bfg-muenchen am 3. Juli 2012 - 2:00

Ein außerkirchlicher Diskurs um die Beschneidungsdebatte herum - ergänzt um G) am 22.7. und bis J) am 25.7.
Die anonymisierten Beiträge fassen das Thema etwas weiter und geben ihm allgemeinere Relevanz. Es handelt sich nicht um eine offizielle Verlautbarung des bfg. Dichter am Thema ist unsere Schnippschnapp-Seite.

  • A) Der Gedanke, dass den Ungläubigen etwas fehlt, was die Gläubigen untereinander verbindet, beschäftigt mich schon länger. Da spielen die Rituale eine wichtige Rolle. Das Bedürfnis nach Ritualen treibt sicher viele Ungläubige in die Kirchen, zu den Freimaurern oder ähnlichen Organisationen. Allein: Das Problem ist nicht so leicht zu lösen. Denn der gemeinsame Glaube an etwas, und sei er auch nur "geheuchelt" (das ist erstaunlich!), verbindet offenbar Menschen untereinander in dem Sinne, dass sie einer Gruppe angehören, der nicht alle angehören, und die sich selbst als "etwas Besseres" ansehen kann als "die anderen". Das scheint ein grundlegendes menschliches Bedürfnis zu sein (Schutz suchen im exklusiven Schwarm). Der Unglaube hingegen, die Überzegung etwa, dass Ockhams Rasiermesser ein besserer Weg zur Wahrheit ist als der Glaube an das liebe Herrgöttchen, tut dem Verstand zwar sehr gut, wärmt aber nicht das Herz und stiftet eben kein emotionales Gemeinschaftsgefühl. Insofern ist die GBS-Gruppe eben gerade keine "Gemeinde" (s.o.) im Sinn der Religionsgemeinschaften. Rationalität und Rituale sind - zumindest in der Wahrnehmung vieler Menschen - nur schwer, vielleicht gar nicht miteinander vereinbar. Rituale haben immer etwas irrationales. Dem Rationalen ("dem kühlen Kopf") haftet immer das Image von emotionaler (und deshalb auch sozialer) Kälte an. Das Mitgefühl für andere setzt - zumindest in der Wahrnehmung vieler Menschen - den Vorrang des Gefühls über den Verstand voraus. Ich sehe, ehrlich gesagt, keine Lösung für dieses Problem.
  • B) Sicher ist es richtig, dass die meisten Menschen sich danach sehnen, Teil eines sinnstiftenden "grösseren Ganzen" zu sein. Ich meine übrigens, dass die Religionen nur der typische Unterfall solcher Ideologien sind, die dieses Gemeinschaftsgefühl begründen und daher verbreitet sind. Die Gefahr rührt m.E. daher, dass Zweifel und Widerwille des Einzelnen dieses Gemeinschaftsgefühl bedrohen. Ein "Imam" erklärte einmal, Zweifel zu äussern gefährde den Glauben der Muslime und müsse daher unterdrückt werden. Wer sich nach solchem Gemeinschaftsgefühl allzusehr sehnt, ist ausserdem schnell bereit, "Minderheiten" oder Andersdenkende als Feinde oder "Schädlinge" zu halluzinieren, nur um das Gemeinschaftsgefühl zu gewinnen. "Die Welle" zeigt dies eindrücklich: (high school class in Palo Alto, CA in April 1967, whose teacher wanted to explain the rise of the Nazi party to his students).  Schon nach wenigen Tagen verprügelten die Anhänger der sakulären Gemeinschafts-"Bewegung" den ersten Juden und bedrohten die ersten Gemeinschaftsunwilligen, wenn ich mich recht erinnere. Tucholsky über den "Untertan" von Heinrich Mann: "Und noch eins scheint mir in diesem Werk, das auch noch die kleinen und kleinsten Züge der Hurramiene mit dem aufgebürsteten Katerschnurrbart eingefangen hat, auf das glücklichste dargestellt zu sein; das Rätsel der Kollektivität. Was der Jurist Otto Gierke einst die reale Verbandspersönlichkeit benannte, diese Erscheinung, dass ein Verein nicht die Summe seiner Mitglieder ist, sondern mehr, sondern etwas andres, über ihnen Schwebendes: das ist hier in nuce aufgemalt und dargetan. Neuteutonen und Soldaten und Juristen und schließlich Deutsche - es sind alles Kollektivitäten, die den einzelnen von jeder Verantwortung frei machen, und denen anzugehören Ruhm und Ehre einbringt, Achtung erheischt und kein Verdienst beansprucht. Man ist es eben, und damit fertig. Der Musketier Lyck, der den Arbeiter erschießt - historisch - und dafür Gefreiter wird; der Bürger Heßling, der - nicht historisch, aber mehr als das: typisch - alle andersgearteten wie Wilde ansieht: sie sind Sklaven der rätselvollen Kollektivität, die diesem Lande und dieser Zeit so unendlich Schmachvolles aufgebürdet hat." Meine Schlussfolgerung: Jeder, der das braucht, soll sich mit anderen zu jedem beliebigen Unsinn zusammentun, seltsame Kleider anziehen und seltsame Lieder singen oder was auch immer. Wo er sich gegen individuelle Rechte und Pluralismus wendet, weil sie mit seinen seelischen Bedürfnissen nicht vereinbar sind, muss der Spass dann aufhören.
  • C) Danke ... für diesen Beitrag. Das kann ich alles unterschreiben. Hätte von mir sein können. (Leider kann man ja nicht alles schreiben zu einem Thema, was man schreiben möchte oder sollte.) Insbesondere die ständig drohende Gefahr, in der die Gemeinschaftssüchtigen schweben, durch Ausgrenzung "der anderen" in faschistische Verhaltensweisen abzugleiten, haben Sie schön herausgearbeitet. Trotzdem bleibt es problematisch, wenn man von den Menschen erwartet oder ihnen vorschlägt, einer biologisch evolutionär entstandenen Verhaltensweise (hier: dem Gruppentrieb mit seinen irrationalen Riten) vollständig zu entsagen. Die Erfahrung lehrt eben, dass die Vernunft einen schweren Stand hat, wenn sie die biologischen Bedürfnisse der Menschen einfach ignoriert. Die Frage ist also, meine ich: Wie gehen wir mit den biologischen Fakten am Besten um?
  • D) Auf die Gefahr hin, dass ich in dieser Gruppe offene Türen einrenne ..., möchte ich mal meinen Senf beisteuern ;-) Rituale sind in Gruppen oft sinnvoll, ob bei Hochzeiten, in Sportmannschaften oder am Stammtisch, sofern sie im Rahmen der Gesetze unseres Rechtsstaates ablaufen. Diese wären u.a. das Recht auf religiöse Selbstbestimmung (haben das Neugeborene nicht?), das Selbstbestimmungsrecht, die Menschenwürde, das Recht auf körperliche Unversehrheit sowie das Jugendschutzgesetz. Von Komasaufen über Tätowierung von Minderjährigen bis zur Genitalverstümmelung bei Frauen werden diese Rechte in unserem Staat rigoros durchGESETZt. Es ist für mich nicht nachvollziehbar, warum bei der Genitalverstümmelung von Knaben (unter dem Druck einer historischen Schuld gegenüber Juden) eine Ausnahme gemacht werden sollte. Wenn sich jemand in einer schlagenden Verbindung das Gesicht verunstalten will, dann kann er das tun - wenn er volljährig ist. Jeder, der hier noch Zweifel hat, dem stelle ich folgende Fragen unterschiedlicher Richtung (nicht rhetorisch - ich hoffe auf Antworten):
  1. Theo-philosophisch: Wenn wir Gottes Ebenbild sind, warum muss dann seine Schöpfung 7 Tage nach der Geburt korrigiert werden?
  2. Naturwissenschaftlich-medizinisch: Hat sich die Natur etwas bei der Vorhaut gedacht, oder ist das ein überflüssiges Evolutionserbe wie der Blindarm?
  3. Juristisch: sollte der Staat eingreifen, wenn jemand eine Religion erfindet in der Babies in einem Initiierungsritual die Ohrläppchen abgeschnitten werden?
  4. Ethisch: Wo sind die ethischen Grenzen eines Rituals, und wer sollte die in einem Rechtsstaat allgemeingültig definieren? Ist das Absaugen des Blutes nach der Beschneidung durch den Mund eines orthodoxen Rabbis schon pervers oder noch legitimierbares Ritual?
  • E) Ich misch mich mal zu dem Thema ein, denn Rituale stellen für mich überhaupt kein Problem dar. Doch sollte man erstmal klären, was mit dem Begriff gemeint ist: Er bedeutet einfach eine regelmäßig wiederkehrende, oft zeremonielle Handlung. Das ist zum Beispiel morgendliches Zähneputzen (mit oder ohne Zeremonie...), die Begrüßung mit Handschlag, Silvester, die Verabschiedung von einem Gestorbenen, der regelmäßige Espresso nach dem Mittagessen. Rituale werden täglich verrichtet und stehen jedermann offen, mit Ausnahme der religiösen Rituale wie Gebet, Kommunion, Taufe, Bekreuzigung, Oblatenschmaus und was auch immer. Wenn man also Rituale durchführt, auch zeremoniell veranstaltet, dürfte man als gott- und konfessionsfreier Mensch kein Problem haben, man muss das Ritual ja nicht religiös begehen. Wie ... schon erwähnt hat, kümmere ich mich um dieses Thema innerhalb des Arbeitskreises "Freie Feste". Wir haben z.B. ein Geburtsfest entwickelt, das die Eltern abrufen können, die ihr Kind nicht taufen lassen wollen. Denn ein Begrüßungsritual ist für Kinder etwas unglaublich Wichtiges! (Meine Tochter hat schon früh gefragt, wie eigentlich ihre Taufe war. Ich konnte ihr wenigstens erzählen, dass wir ihre Geburt bei Kerzenlicht gefeiert haben.) Kinder brauchen unbedingt Rituale und sei es nur das allabendliche Vorlesen. Denn damit fühlen sie sich bestätigt und in einer Gemeinschaft akzeptiert. Das führt mich zum nächsten Thema, nämlich dem angeborenen Bedürfnis der Menschen nach Ritualen, nach der Gruppenzugehörigkeit und dem unbewussten Suchen nach Schutz. D) hat das ja ebenfalls angesprochen. (Dieses Bedürfnis nutzt die Kirche teilweise ganz schändlich aus, indem sie ihren Gläubigen suggeriert, dass ein Austritt aus ihrer Gemeinschaft Sodom und Gomorrha bedeute, also "Anarchie", Depression, Hölle usw. Wir wissen, dass das nicht stimmt, kennen aber die Möglichkeit, dass ein Ausschluss tatsächlich einen gesellschaftlichen Absturz bedeuten kann.) Rituale gehören zu einer Gemeinschaft jedweder Form und bieten übrigens psychischen Trost, weil sie das Gefühl des Alleinseins und Verlorenseins nehmen können. Darin liegt das eigentliche Problem des Rituals. Es ist verständlich, dass viele Freigeister es nicht so mit Ritualen haben. Doch wir leben in einer aufgeklärten Welt und fordern das von der Gesellschaft auch ein! Will heißen, dass auch wir Rituale durchführen können wie Geburtsfest, Jugendfeier, Weihnachtsfest, Frühlingsfest.... Damit würden wir übrigens das bürgerliche Spektrum ansprechen und Familien mit Kindern.
  • F) "Doch wir leben in einer aufgeklärten Welt und fordern das von der Gesellschaft auch ein! Will heißen, dass auch wir Rituale durchführen können wie Geburtsfest, Jugendfeier, Weihnachtsfest, Frühlingsfest.... Damit würden wir übrigens das bürgerliche Spektrum ansprechen und Familien mit Kindern." Da haben wir es schon: das Weihnachtsfest. Was war doch noch gleich der Anlass dafür?
  • G) nochmal auf C) Ihre Zustimmung freut mich, denn nicht jedem gefällt die Analogie zwischen religiöser und säkulärer Gemeinschaftstümelei. Ihre Frage, wie mit dieser umzugehen ist, hat mich jetzt einige Zeit beschäftigt. Sie sprechen von einem evolutionär entstandenen Trieb, legt das nicht die Antwort nahe, damit ebenso umzugehen wie mit anderen Trieben auch? Auch Vergewaltiger gehen evolutionär entstandenen Trieben nach. Im Islam etwa wird dies hingenommen und zuerst die Schuld bei der Frau gesucht, im Westen erwartet man unter Strafandrohung, dass Männer dem Sexualtrieb insoweit widerstehen. Aber natürlich ist das Strafrecht nur ultima ratio. Zur Zivilisation gehören auch und vor allem Aufklärung und Bewusstseinswandel. Ich meine, dass Filme wie die Welle einen solchen Bewusstseinswandel herbeiführen können. Ein Unterricht etwa, der nicht nur geistig anspruchslose Empörung über die Zeit des angeblich so unerklärlichen Nationalsozialismus vermittelt, sondern die Wirkungsweise kollektivistischer Gesinnung und Gesellschaftssysteme erklärt, bleibt nicht bei allen ohne Wirkung. Ob das genügt, kann man natürlich gut bezweifeln, aber besseres fällt mir bis jetzt nicht ein. Konkret zur Beschneidung ein paar klare Worte von Christopher Hitchens, wie immer trifft er den Nagel mit hierzulande unbekannter Wucht auf den Kopf.
  • H) Das Kölner UIrteil war längst überfällig und zeigt überdeutlich die zahlreichen Stolpersteine in unserem Rechtssystem, was die hinkende Trennung von Staat und Religion anbetrifft. Nach Religionsunterricht, kirchlichem Arbeitsrecht, Kirchensteuerrecht und, und, und dürfen wir ein neuerliches, religiös geprägtes Recht, nämlich ein Beschneidungsrecht, in unserer Demokratie nicht zulassen.
  • I) Zum obigen: Natürlich kann man, wie Sie ja auch eine mögliche Konstruktion angegeben haben, einen Weg finden, das Kölner Urteil zu relativieren. Aber warum sollten wir das tun?  Es kann eine durchaus pragmatische Lösung sein, ein Gesetz einfach zu beschließen und durchzusetzen. Die faktische Rechtslage wird für einen Druck sorgen, der der Mehrheit irgendwann das Ausweichen in andere Länder etc. einfach als zu mühsam erscheinen lässt. Dann wird - außer bei Fundamentalisten - das Thema einfach in wenigen Dezennien keines mehr sein.
    Viele Menschen aus vorwiegend muslimisch geprägten Ländern sind hierher gekommen, weil sie der Repression entgehen wollten. Wir sollten gerade für diese Menschen eine klare Verantwortlichkeit wahrnehmen. Das können wir tun, indem wir klare Grenzen ziehen und nicht um irgendeines dubiosen Friedens willen, Grenzen aufweichen.
    Und auch für die eher fundamental gesonnenen Religiösen sollten das Signal bekommen, dass es eine klare Priorisierung gibt: ZUERST kommen die positiven Gesetze, dann kommt die Religionsfreiheit IM RAHMEN der Gesetze. Gerade wenn sie da anstoßen, können sie nicht ausweichen: Entweder sie akzeptieren das, oder sie stellen sich außerhalb der Rechtsordnung mit allen Folgen.
  • I) Nochmal: dass die Beschneidung wirklich eine Verstümmelung darstellt und nicht nur eine kosmetische Korrektur ist, dass sie sexuelle und andere Funktionen massiv beeinträchtigt, das geht ziemlich klar aus diesem Artikel aus medizinischer Sicht hervor. Ist zwar viel zu lesen, aber sehr eindeutig. Damit erledigen sich doch viele religiöse Argumente, die alle drauf bauen, dass so ein harmloser Eingriff ja vielleicht sogar zusätzlich noch Vorteile bringen könnte. Weg damit!
  • J) 1. Eine Beschneidung bei Buben ist nicht vergleichbar mit einer Beschneidung bei Mädchen. Die Beschneidung der Vorhaut hatte ursprünglich hygienische Gründe. Daraus entstand ein Ritual, das heute bei den Gläubigen und vor allem für den Jungen als großes "einschneidendes" Erlebnis gilt. Die Beschneidung von Mädchen wird nicht rituell durchgeführt. Sie ist eine schwere bis lebensgefährliche Körperverletzung und dient ausschließlich der Demütung des weiblichen Geschlechts. Selbst wenn die Knabenbeschneidung in Deutschland legal sein sollte, dann kann man daraus nicht ableiten, dass die Genitalverstümmelung bei Mädchen ebenfalls erlaubt werden müsste.
    2. Bei Naturvölkern gibt es ebenfalls Rituale mit körperlichen Eingriffen. ZB. wird die Tätowierung an bestimmten Körperteilen rituell durchgeführt. Auch wenn wir uns von den Naturvölkern abgrenzen, sind wir von ihnen gar nicht so weit entfernt: In katholischen Gebieten hierzulande werden Mädchen nach der Geburt Ohrlöcher gestochen. (Es gibt eine ganze Reihe medizinischer Gründe, die gegen das Ohrlochstechen in der Kindheit sprechen.) Der katholische Aberglaube besagt aber, dass keine Ohrlöcher und Ohrringe Unglück bringen würden.
    Wo fängt nun der Rechtsstaat an, Rituale mit Körpereingriffen zu erlauben und wo muss er ein klares Verbot aussprechen? Soll er den betreffenden Personen erlauben, ab einem gewissen Alter selbst zu entscheiden? Oder soll er den beteiligten erwachsenen Personen die Entscheidung überlassen, rituelle Körpereingriffe bei ihren Kindern vornehmen zu lassen? Hierbei müssen sowohl medizinische als auch kulturell-traditionelle Aspekte berücksichtigt werden. Die gbs sollte sich politisch dafür einsetzen, dass bei rituell bedingten Körpereingriffen die betreffende Person selbst entscheiden kann, ob sie das will oder nicht. Und zwar wenn die Person bereits teilgeschäftsfähig ist, also mit 15 oder 16.