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Uwe-Christian Arnold - Deutschlands wohl berühmtester Sterbehelfer hat sich verabschiedet

Zuletzt aktualisiert von presse am 14. April 2019 - 18:22

Am 12. April 2019 starb Uwe-Christian Arnold in seiner Wohnung in Berlin. Arnold war leidenschaftlicher Arzt, der für sich beschlossen hatte, dass die ärztliche Betreuung zu einem selbstbestimmten, möglichst schmerzfreien Abgang von diesem bunten Planeten Teil der Patientenfürsorge und absolut notwendig ist. Ein Nachruf von Assunta Tammelleo.

Geltinger Hinterhalt im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Die Kulturbühne ist voll bis auf den letzten Platz. Es ist eine besondere Veranstaltung zum Gedenken des 1. Jahrestags der Toten beim Sturm religiöser Fanatiker auf die Redaktion des Satire-Magazins „Charlie Hebdo“ in Paris. Der bfg mÜnchen, in Kooperation mit der Kulturbühne Hinterhalt und der Giordano Bruno Stiftung trauert um die Toten, die von religiösen Eiferern am 7.Jan. 2015 kaltblütig erschossen worden sind.

Auf der Bühne steht ein bayerisches Kabarett-Urgestein – Sigi Zimmerschied aus Passau. Zuvor nachdrücklich begrüßt vom Münchner Künstler Wolfram P.Kastner, vom österreichischen STERN-Zeichner Gerhard Haderer und vom ehemaligen Vorsitzenden des bfg München und Kurator der Giordano Bruno Stiftung, Wolf Steinberger. Ganz dicht an der Bühne sitzen zwei Herren, sozusagen in der ersten Reihe. Die waren noch nie hier - wie denn auch, kommt doch zumindest der eine aus Berlin. Und hat einen Münchner Freund mitgebracht, damit er nicht alleine da sitzt.  So ein Gedenktag bringt eben auch besondere Gäste in die oberbayerische Provinz.

Zimmerschied, der wahrscheinlich beeindruckendste Kabarettist Bayerns, ist in seinem Element. Sprachgewaltig wie man ihn kennt - laut, donnernd und oft und viel sichtbar schwitzend - doch im nächsten Augenblick scheinbar unsicher, vielleicht ratlos und fast am Verzweifeln. Um aber dann wieder Luft zu holen - zum Rundum-Schlag…. Der Gast aus Berlin in der ersten Reihe ist beeindruckt und macht keinen Hehl daraus. So was hat er noch nicht gesehen! Der Berliner Gast in der ersten Reihe nimmt regen Anteil am Bühnengeschehen. Pff… Berliner halt. Bestätigend ein sicherlich echt bayerisches Vorurteil, dass die Preiss’n das Maul nicht halten können, was schon Ludwig Thoma wußte. Der Berliner lacht oft und laut; klatscht, wann immer er meint und spart nicht mit deutlich hörbaren Kommentaren in Richtung seines Münchner Freundes. So viel Reaktion seitens des Publikums ist in Bayern nicht üblich. Der ein oder andere Blick des Niederbayern Zimmerschied mit ansatzweise tadelnder Schärfe trifft den Berliner Gast daher von Bühne. Bei ihm, dem begeisterten Berliner, kommt der dezente Tadel allerdings irgendwie nicht an . Preiss’n und Bayern eben – aber eins gemerkt: gegebenenfalls scheiß’n sich auch die Preiss’n nix, selbst wenn sie in Bayern sind.

Der aus Berlin, der sich da nix scheißt, ist Arzt. Aber nicht irgendeiner. Gibt es doch Ärzte genug. In der ersten Reihe direkt vor der Bühne im Hinterhalt sitzt der sog. „Dr.Tod“. Einer der berühmtesten Sterbehelfer der Republik, viel gefragt, genug kritisiert, umstritten seit Jahren. Uwe-Christian Arnold – inzwischen auch Beirat der Giordano Bruno Stiftung - hat es sich nicht nehmen lassen, in die oberbayerische Provinz zu kommen zum Gedenktag, den Mit-GBS-Beirätin, Assunta Tammelleo, organisiert. Er, der bekennende Nicht-Christ, fühlt sich unter den Ungläubigen sauwohl. Eine echte Berliner Schnauze ist er, das Gewöhnliche und das Außer-Gewöhnliche meist ungefragt kommentierend, interessiert an allen Menschen, erfreut über alle Arten von Witzen, sich ständig mitteilend und einmischend… ein Menschenfreund unter Menschen im Diesseits.

Der Abend des 7.Jan. 2016 ist lang und besonders. Uwe-Christian Arnold erzählt  u.a. dem Bayern Zimmerschied – bei Zweigelt und Brotzeit – nach dessen Auftritt noch den ein oder anderen Witz. Und schreibt umgehend am nächsten Tag eine Berliner-Schnauze-Mail an uns vom Hinterhalt, wie schön et doch in Bayern jewes’n is.

Der Arzt Uwe-Christian Arnold hat in vielen Jahren zahlreichen Menschen geholfen, ihr aus ihrer Sicht nicht lebenswertes Leben möglichst schmerzfrei zu beenden. Er, der mit 12 Jahren seine Mutter fand, die sich mit Schlaftabletten das Leben genommen hatte, war sich immer im Klaren darüber, dass der Tod Teil des menschlichen Lebens ist. Er war leidenschaftlicher Arzt, der für sich beschlossen hatte, dass die ärztliche Betreuung zu einem selbstbestimmten, möglichst schmerzfreien Abgang von diesem bunten Planeten Teil der Patientenfürsorge und absolut notwendig ist. Viel hat er dafür in Kauf genommen. Üble Nachrede in der Presse, Kritik der Ärzte-Funktionäre, Klagen vor Gericht. Das alles hat ihn in seinem Kampf um das Recht auf einen selbstbestimmten Abgang nicht eingeschränkt.

Doch hatte er einen mächtigeren Feind. Wir alle, die ihn kannten, wußten, dass er selber schwer krank war. Am Mittwoch, den 17.April 2019, wäre seine persönliche Anhörung gewesen vor dem Bundesverfassungsgericht zum Thema Sterbehilfe. Seinem aktiven Mitstreiter, dem Philosophen Dr.Michael Schmidt-Salomon, mußte er am 12.April telefonisch mitteilen, dass er aufgrund seiner inzwischen wohl unerträglichen Schmerzen dazu nicht mehr in der Lage sein würde. Er hat sein Plädoyer für das Recht auf Sterbehilfe am 12. April dann schriftlich verfaßt und einen Rechtsanwalt beauftragt, dies am kommenden Mittwoch vorzutragen vor dem höchsten deutschen Gericht. Am 13. April hat sich Uwe-Christian Arnold vom diesseitigen Leben für immer verabschiedet. Uns bleibt die Erinnerung an einen lebensfrohen Menschen und großartigen Streiter um die Menschenrechte. Froh sind wir, ihm persönlich – im Diesseits - begegnet zu sein.

Assunta Tammelleo